Sommerakademie der Seniorenunion: Interview mit Präsidentin An Hermans

Teilnehmer aus 16 europäischen Ländern diskutieren "besseres Europa".

Wien (OTS) - Im Rahmen der gestern eröffneten 5. Sommerakademie der Europäischen Seniorenunion (ESU) für Senioren-Führungskräfte in Wien, konnte die Redaktion des Seniorenbund-Info-Service (SIS) ein Interview mit der neuen Präsidentin der ESU, em. Prof. Dr. An Hermans aus Belgien führen. Dieses wird im Folgenden gerne zur Verfügung gestellt:

SIS: Die Europawahlen haben klar gemacht: Auch Seniorinnen und Senioren fordern ein "besseres" Europa. Wie kann dieses aussehen?

Hermans: In der Phase der Wahlwerbung für die Europawahlen haben die Seniorinnen und Senioren Europas klar gezeigt: Wir brauchen die EU, wir wollen die EU, die EU ist für uns wichtig. Aber die EU wird als "Fremder" empfunden. Mit all ihren Regulierungen, mit ihrer Konstruktion der Institutionen wird sie empfunden als Organisation für Staaten und große Unternehmen - aber leider nicht als Organisation für die Menschen selbst. Unsere Aufgabe muss es daher sein, die Institutionen näher zu den Menschen zu bringen, die Bürgerinnen und Bürger Europas müssen sich in Europa zu Hause fühlen. Dabei haben wir als Seniorinnen und Senioren eine Aufgabe: Wir haben Lebenserfahrung, wir haben auch Zeit und Kraft - wir können und müssen unsere Meinungen und Ideen aktiv einbringen.

SIS: Sie sind seit November 2013 die neue Präsidentin der Europäischen Seniorenunion, die mehr als eine Million direkte Mitglieder in ganz Europa hat. Seither haben Sie viele der Mitgliedsorganisationen in ihren Ländern besucht. Was sind Ihre ersten Erfahrungen?

Hermans: Der Umgang der einzelnen Senioren-Organisationen in den verschiedenen Ländern ist geprägt von deren Geschichte, von deren Erfahrungen. So habe ich z.B. in den neuen EU-Mitgliedsstaaten gelernt, dass Senioren dort oft die "schweigende Generation" sind. Sie haben in den Lebensjahren vor dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht gelernt, ihre Anliegen laut zu artikulieren. Sie hatten Angst. Später in der Pension haben sie es nicht mehr erlernt - oder nur langsam. Sie tun sich schwerer, ihre Senioren-Anliegen deutlich auf die Verhandlungstische der Verantwortlichen zu legen. Besonders gilt dies gegenüber der "weit entfernten" EU-Institutionen. Senioren sehen auch aktuelle Konflikte - wie z.B. in der Ukraine - viel besorgter als Jüngere. Sie wünschen sich hier klare friedenssichernde Zeichen seitens der EU. Viel größer ist der Unterschied in der Einstellung zur oder den Wünschen an die EU je nach Land - nicht je nach Generation. Wir als ESU haben die Erfahrung und die Kraft die Menschen zusammenzubringen, voneinander zu lernen und gemeinsam den Weg zu einem besseren Europa für die Menschen zu gehen.

SIS: Was sind Ihre nächsten Schritte auf dem Weg der Senioren zu einer besseren EU?

Hermans: Die EU darf nicht nur als zuständig für Länder, Banken, Konzerne empfunden werden. Wir müssen den Kontakt zwischen Bürgern und EU verstärken, müssen die Anliegen auch der Älteren direkter einbringen. Die Senioren fragen: Wo sind wir in diesen EU-Strukturen? Wo sind unsere Anliegen? Wer lobbyiert für uns? Die Antwort: Wir müssen es selbst tun! Alle Mitgliedsorganisationen der EU werden in den kommenden Monaten direkten Kontakt zu einem Europaabgeordneten ihres Landes herstellen, dem sie vertrauen, dass er ihre Anliegen versteht, Ernst nimmt und in Europa vertritt. Es kann nicht sein, dass Senioren 20 Prozent und mehr der Einwohner stellen aber ihren Platz in der politischen Vertretung nicht finden. Der Österreichische Seniorenbund hat dabei freilich eine Sonderstellung: Mit Ihrem Generalsekretär, Heinz K. Becker, verfügen Sie so zu sagen über ihren "eigenen" Europaabgeordneten.

Hermans weiter: Wir wissen aus anderen Politikbereichen, es braucht immer eine "kritische Masse" an Menschen, die ihre Meinung deutlich und öffentlich darstellen. Nur so werden die Forderungen, Wünsche und Ideen wahrgenommen und fließen in Entscheidungen ein. Europas Seniorinnen und Senioren haben diese kritische Masse in den Europäischen Institutionen noch nicht erreicht. Genau da müssen und werden wir ansetzen. Die Senioren werden sich stärker einbringen und so die älteren Generationen Europas, ihre Wünsche, Bedürfnisse aber auch ihre Fähigkeiten, ihren Beitrag zur Gesellschaft, deutlich besser sichtbar zu machen!

SIS: Was sagen die Senioren der ESU / EVP: Soll Jean-Claude Juncker der neue Kommissionspräsident werden?

Hermans: Er muss der neue Kommissionspräsident werden! Wir können nicht während der Wahlwerbung sagen: Die stärkste Fraktion wird den Präsidenten stellen! Und dann nach den Wahlen darauf vergessen. Die Mitgliedsorganisationen der EVP haben sich auf Juncker geeinigt. Jetzt müssen auch alle dazu stehen. Juncker hat ein klares Profil, zu dem wir stehen. Er hat klargelegt, wie er den europäischen Weg weiter gehen will. Diesen Weg wollen wir mit ihm gehen. Die Wählerinnen und Wähler - insbesondere die Älteren - würden uns das nicht vergessen, wenn wir ihren Willen jetzt nicht wie versprochen umsetzen.

SIS: Danke für das Interview und viel Erfolg für Ihre Arbeit in der Europäischen Seniorenunion!

Das Interview für den SIS führte stv. Generalsekretärin Susanne Walpitscheker.

(Forts. mögl.)

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