stadtUNbekannt: Das "Neugebäude" in Simmering

Von Grotten, Kabarett und den Nachteilen einer Heirat

Wien (OTS/RK) - In Simmering steht eine Scheune, die ist über hundert Meter lang und drei Stockwerke hoch. Wie ein Schlauch aus Stein liegt sie zwischen Zentralfriedhof und Hafen Freudenau. Bloß, die Scheune ist gar keine, das lässt sie nur vermuten. Sie ist ein Schloss, erbaut vor über 400 Jahren, komplett mit Lustgarten und Wassergrotte, mit Kunstkammer und Löwengehege. Vom einstigen Pomp ist auf den ersten Blick nicht viel geblieben. Was war passiert? Nun, es wurde geheiratet.

Die Geschichte des Schlosses beginnt bei Maximilian II., römisch-deutscher Kaiser, der gegen 1570 eine - heute würde es wohl heißen - "Freizeitanlage" in Auftrag gibt. Es war kein Schloss zum Wohnen, sondern um die warmen Sommertage zu verbringen. Küche, Schlafzimmer, Einrichtungen für die Hauswirtschaft, das alles sollte es nicht geben. Dafür Spaziersäle zum Philosophieren, zur Nordseite hin offen und durchflutet vom Sonnenlicht; ein Stockwerk tiefer Antiquarien, Kunstkammern mit Nischen und Platz für Skulpturen der Bildhauerei. Von beiden Seiten umfasst sein sollte das Schloss von Gärten voll Blüten in allerlei Farben, im Ohr das Plätschern von Zierbrunnen. Jenseits dieser Kunstlandschaft würde der Blick in die ungezähmte Natur schweifen, auf den heutigen Prater, dereinst Jagdgründe des Adels. Staatsempfänge sollten hier gehalten werden, Gesellschaften gefeiert und der Humanismus in Gesprächen gepflegt. Aber Maximilian starb, bevor die Anlage fertig wurde - und so bekam das Schloss nicht einmal einen Namen. Denn "Neugebäude" hieß in der damaligen Sprache bloß "Baustelle".

Hochzeitsglocken und Kanonendonner

Mit dem Tod Maximilians verblich auch das Interesse an der Anlage. Der Bau, ganz im Stil des Manierismus, galt plötzlich als unmodern und nicht mehr schick - das Barock hatte Einzug gehalten ins Leben der Noblesse. Jahrhunderte verstrichen, und Neugebäude lag im Dornröschenschlaf. Bis im Jahre 1736 Kirchenglocken tönten: Maria Theresia heiratete ihren Franz Stephan. Und weil der Vater seiner Tochter ein würdiges Geschenk bereiten wollte, schenkte Karl VI. ihr Schönbrunn. Neugebäude wurde daraufhin zum Abhol-Baumarkt der Habsburger: Die Säulen des Spaziersaals wurden entfernt und für den Bau der Gloriette benutzt, auch ganze Zierbrunnen wanderten ins heutige Hietzing. Bukranien, Verzierungen im antiken Stil und in der Form von Stierköpfen, machten sich ebenfalls hübscher an den Wänden der Gloriette denn im Neugebäude. Ein guter Teil des Simmeringer Schlosses steht heute im Westen Wiens.

Dann übergab Maria Theresia das Neugebäude dem Militär, was es lange Zeit als Pulverlager nutzte. Die Außenmauern wurden verschlossen, ein neues Dach aufgesetzt und die Innenräume mit Zwischendecken aus Holz versehen. Auch im 20. Jahrhundert wurde das Areal für Kriegszwecke gebraucht: Im Zweiten Weltkrieg schufteten Zwangsarbeiter aus dem KZ Mauthausen im Neugebäude. Panzermotoren wurden hier gefertigt.

Das Neugebäude heute

Heute gehört das Neugebäude der Gemeinde Wien. Um die Jahrtausendwende begann die Revitalisierung, seit 2002 sind BesucherInnen zugelassen: Wienerinnen und Wiener erfreuen sich seitdem an der Kultur im Schloss. Das Spektrum reicht vom Sommerkino unter freiem Himmel bis zum Kunsthandwerksmarkt im Advent. Eine astronomische Gesellschaft trifft sich zum "Sternderlschauen", Kabarettprogramme zielen auf den Humor. Auch Führungen werden geboten: Schloss Neugebäude ist eine der größten Residenzen des Manierismus in Mitteleuropa. Auch wenn ihre Fassade nicht mehr von Säulen gesäumt ist wie vor 400 Jahren, und auf dem einstigen oberen Garten heute der Urnenfriedhof steht - Höhepunkte gibt es genug. Zum Teil unter der Erde: Die Wassergrotte im Schloss war wohl einst geflutet, in kleinen Booten sollte der Kaiser auf Lustfahrten im Souterrain paddeln. Auch jetzt hat es dort angenehm gefühlte zehn Grad über Null.

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(Schluss) esl

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