Wiener Zeitung - Leitartikel von Walter Hämmerle: "Das Vertrauenskonto ist leer"

Ausgabe vom 6. Juni 2014

Wien (OTS) - Über den Schritt wurde schon so lange gemutmaßt und gemunkelt, dass die Entscheidung niemanden mehr überraschte. Der Entschluss der Europäischen Zentralbank, den Geschäftsbanken Strafzinsen von minus 0,1 Prozent für ihre Einlagen bei der EZB abzuverlangen, ist dennoch eine Zäsur. Würde sich dieses Prinzip durchsetzen, müsste künftig zahlen, wer sein Geld spart. Das ist bei Zinsen deutlich unter der Inflation für normale Sparer schon jetzt der Fall, trotzdem ist der Beschluss von Negativzinsen eine bemerkenswerte Premiere.

Die Idee geht auf den Finanztheoretiker und Kaufmann Johann Silvio Gesell (1863-1930) zurück, der sich daran stieß, dass alles - also auch menschliche Arbeitskraft und Waren - dem irdischen Kreislauf von Werden und Vergehen unterworfen ist, nur nicht das Geld. Dies bevorteile Kapitaleigner gegenüber Produzenten und Händlern (auch das Lagern von Waren ist mit Kosten verbunden), weshalb Gesell über Möglichkeiten nachdachte, auch Geld mit einem automatischen Wertverlust zu versehen, um einen stabilen Geldkreislauf zu gewährleisten.

Gesells Idee wurde zwar in einigen Gemeinden, darunter in Wörgl, am Höhepunkt der Finanzkrise Anfang der 30er Jahre umgesetzt, geriet aber schließlich zur finanztheoretischen Randnotiz.

Bis heute eben.

Die unmittelbarste Reaktion auf das Maßnahmenbündel der EZB kam von den Aktienmärkten: Der DAX etwa übersprang prompt die historische Grenze von 10.000 Punkten. Das ist nicht ohne bittere Ironie, wenn man bedenkt, dass EZB-Chef Mario Draghi eigentlich die brachliegende Konjunktur und Kreditvergabe in den Krisenstaaten zum Laufen bringen will. Allerdings waren Kredite schon zuvor billig wie nie.

Das wirkliche Problem sitzt im Kopf der Bürger, die den Politikerreden vom Ende der Krise nicht trauen. Diese fürchten weiter um ihre Jobs, halten Konsumausgaben zurück und verschulden sich, wenn überhaupt, um "sichere Werte", also Immobilien zu kaufen, was nur die Immobilienpreise in irrwitzige Höhen treibt.

Es wäre Aufgabe der Politik, ihren Bürgern das Vertrauen zu geben, dass eine bessere Zukunft vor ihnen liegt. Allerdings untermauert durch Taten, nicht nur durch Reden. Doch die Regierungen haben ihr Vertrauenskonto leer geräumt. Draghi allein ist machtlos, das Vertrauen, die wichtigste Währung von allen, zurückzubringen.

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