Internationale Studie bestätigt GLOBAL 2000: Fließgewässer durch Gesetz nicht ausreichend geschützt

Wissenschafter fordern strengere Zulassungsverfahren / Industrie sucht Schuld bei Landwirten / Landwirtschaftskammer muss Lösungskompetenz beweisen

Wien (OTS) - Bezug nehmend auf die Replik der Landwirtschaftskammer Österreich (LKÖ) auf die Fließgewässer-Untersuchung von GLOBAL 2000, die in manchen österreichischen Flüssen alarmierend hohe Pestizidbelastungen vorgefunden hat, hält die Umweltschutzorganisation fest: Ja, es trifft zu, dass zahlreiche österreichische Fließgewässer eine gute Qualität aufweisen. Ebenso trifft es aber auch zu, dass in manchen Regionen Pestizidbelastungen in österreichischen Flüssen und Bächen ein Ausmaß erreichen, das die Artenvielfalt im aquastischen Ökosystem eindeutig beeinträchtigt. So wies der durch das niederösterreichische Marchfeld fließende Mühlbach und Rußbach Pestizid-Cocktails von bis zu 40 Pestiziden auf, in Konzentrationen zwischen 0,003 und 123 Mikrogramm pro Liter.

"Das sind besorgniserregende Befunde und keineswegs ein herbeigeredeter Umweltskandal", weist Burtscher den Vorwurf seitens des LKÖ-Präsidenten entschieden zurück. "Solche Pestizidbelastungen in österreichischen Gewässern sind absolut inakzeptabel. Die Tatsache, dass die Mehrzahl der gefundenen Pestizide in der europäischen Wasserrahmenrichtlinie gar nicht erst vorkommen und daher für die offizielle Beurteilung der Wasserqualität keine Berücksichtigung finden, ändert daran nichts!" Burtscher weiter: "Das Verschließen der Augen lässt Probleme nicht verschwinden, verhindert aber deren Lösung. Was wir jetzt wirklich brauchen, ist eine sachliche und emotionslose Auseinandersetzung mit den möglichen Ursachen der festgestellten Beeinträchtigung aquatischer Ökosysteme durch Pestizide."

Entscheidende Hinweise liefert eine vor zwei Jahren durchgeführte internationale Meta-Studie, die sich mit dieser Frage befasste und die Pestizidbelastungen von 111 Flüssen detailliert auswertete und mit deren ökologischen Zustand, insbesondere der Artenvielfalt wirbelloser Wasserlebewesen, in Korrelation setzte: Die Wissenschafter der Universität Koblenz-Landau, des Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, der Universität Aarhus und der Technischen Universität Sydney kamen zu dem Schluss, dass die schädliche Wirkung von Pestiziden - insbesondere Insektiziden - systematisch unterschätzt wird und die Pestizid-Zulassungsverfahren die Flüsse nicht ausreichend schützen. Die Studienautoren fordern daher strengere Zulassungskriterien (Studie auf: www.global2000.at).

Die Pestizid-Industrie wiederum sieht die Verantwortung für die gefundenen Gewässerbelastungen nicht bei sich, den Zulassungsinhabern der Pestizide, sondern bei deren Anwendern, also den Landwirten: Mit den Ergebnissen der Fließgewässer-Untersuchung von GLOBAL 2000 konfrontiert, führte der Sprecher der Industriegruppe Pflanzenschutz (IGP), welche die Interessen von Bayer, Syngenta, BASF & Co vertritt, am Dienstag gegenüber "ORF heute konkret", eine "unsachgemäße Reinigung von landwirtschaftlichen Gerätschaften" als Erklärung für die Wasserverschmutzung ins Rennen und verwies auf die Notwendigkeit von Schulungen der Landwirte.

Burtscher: "Diese Argumentation weckt Erinnerungen an die Debatte um die Bienengiftigkeit der "neonicotinoiden Saatgutbeizmittel. Bereits damals wurden die wiederkehrenden Nachweise von Neonicotinoiden in getöteten Bienenvölkern auf Anwendungsfehler von vermeintlichen "schwarzen Schafen" unter den Landwirten geschoben, obwohl wissenschaftliche Studien die systemische Wirkung der Pestizide als Ursache betrachteten."

Sollten dennoch die Vermutungen der Pestizid-Hersteller zutreffen und Verstöße der Landwirte gegen die Anwendungsvorschriften wesentlichen Anteil an den regional hohen Pestizidbelastungen haben, wäre es umso wichtiger, dass die verantwortlichen Stellen in den Bundesländern und den dortigen Landwirtschaftskammern Maßnahmen zur besseren Schulung der Anwender ergreifen und die Kontrolle der Anwendung von Pestiziden, die im Verantwortungsbereich der Länder liegt, intensivieren.

GLOBAL 2000 appelliert vor diesem Hintergrund an den Präsidenten der österreichischen Landwirtschaftskammer, der zugleich auch als Präsident der Niederösterreichischen Landwirtschaftskammer und als Umweltsprecher der Österreichischen Volkspartei fungiert, Untersuchungsergebnisse von Umweltschutzorganisationen nicht reflexartig als Skandalisierung abzutun, sondern als Ausgangspunkt für einen konstruktiven und sachlichen Dialog zu betrachten.

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GLOBAL 2000 Umweltchemiker: DI Dr. Helmut Burtscher, Tel.: 0699/14 2000 34, E-Mail: helmut.burtscher@global2000.at
GLOBAL 2000 Pressesprecherin: Mag. Lydia Matzka-Saboi, Tel.: 0699/14 2000 26, E-Mail: presse@global2000.at

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