Niedrige Zinsen prolongieren das Problem

Kreditvergabepraxis muss sich an Großbritannien orientieren

Wien (OTS) - "Die offizielle Inflationsrate im Euroraum ist seit Monaten sehr niedrig. Die Jahresrate lag im April bei 0,7 Prozent. Wenn Unternehmer und Verbraucher sinkende Preise erwarten, werden größere Investitionen auf die lange Bank geschoben. Der Wirtschaftsmotor der Europäischen Union, der nur in sehr wenigen Ländern sehr zaghaft anspringt, könnte so erneut abgewürgt werden", warnt Dr. Barbara Kolm, die Präsidentin des Friedrich A. von Hayek Instituts und Direktorin des Austrian Economics Centers.

Die offizielle Inflation ist im Euroland so niedrig wie zuletzt im November 2009, als die Weltwirtschaft in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg steckte. Die EZB hat nur noch wenig Spielraum beim Leitzins, sie könnte jedoch auch mit dem Ankauf von Wertpapieren im großen Stil deflationären Gefahren begegnen. Beim letzten Treffen des EZB-Rates am 8.Mai wurde klar, dass sich die Europäische Zentralbank grundsätzlich dafür einsetzt, Geldpolitik vor allem über die Zinspolitik, anstatt mit sogenannten unkonventionellen Maßnahmen zu betreiben.

"Wenn ich mich an das letzte EZB-Treffen erinnere, dann können wir davon ausgehen, dass die Notenbank, bei ihrer nächsten Zusammenkunft am 5. Juni, den Leitzins weiter absenken wird, um - so die offizielle Version - das Gespenst einer Deflation zu vertreiben", erklärt Kolm.

Eine Geldpolitik, die sich bemüht, den Wert des neuen Geldes stabil zu halten, Inflation zu vermeiden oder zumindest zu begrenzen, treibt deshalb noch keine Deflation an. Auch dann nicht, wenn die Inflationsrate von den Vorgaben der Europäischen Zentralbank (EZB) von rund zwei Prozent deutlich abweicht. Diese zwei Prozent sind ein Richtwert, bei dem Währungshüter die Preisstabilität gewahrt sehen.

"Um die Teuerungsrate in den Griff zu bekommen, werden die Leitzinsen gesenkt, zuletzt im November 2013 auf 0,25 Prozent. Doch dieses klassische Instrumentarium ist bereits total ausgereizt. Sollte es Anfang Juni zu einer neurlichen Absenkung des Leitzinses auf möglicherweise 0,1 Prozent kommen, dann steckt dahinter auch wirtschaftspolitisches Kalkül: Denn die Staaten und Banken, die in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen, können das Geld, das sie sich gegenseitig geliehen haben, nicht mehr zurückzahlen. Hohe Zinsen würden ihre Zahlungsunfähigkeit ans Tageslicht bringen", erklärt Kolm.

Die Politik meint, auf diese Weise wird die Umschuldungskrise gelöst. Gleichzeitig sollen die niedrigen Zinsen uns dazu verleiten, unser hart verdientes Geld schnell wieder in den Wirtschaftskreislauf einzubringen, nachdem sich der Fiskus mehr als nur ausreichend bedient hat.

Die Kreditkonditionen in Österreich sind derzeit für alle Kreditnehmer durch die niedrige Zinslage äußerst günstig. Der durchschnittliche Zinssatz im Neugeschäft für Kredite bis 250.000 Euro betrug zuletzt im Durchschnitt nur 2,7%. Die steigende Arbeitslosigkeit und die schwache Einkommensentwicklung hat aber die Kreditnachfrage privater Haushalte in Österreich deutlich eingebremst.

"Um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, muss sich einerseits der Nettolohn der Konsumenten durch eine Steuerreform erhöhen, andererseits müssen Unternehmen in ganz Europa wieder leichter an Kredite kommen, um nachhaltig investieren zu können, so lange Kredite so günstig zu haben sind. Der niedrigste Zinssatz nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben und lieber warten, bis die Zinsen wieder steigen", meint Kolm und weiter: "Abgesehen davon, dass es für Banken noch immer einträglicher ist, Staatsschuldenpapiere risikolos zu kaufen und wesentlich höhere Zinsen dafür zu kassieren, als in ihrem Stammgeschäft der Kreditvergabe zu agieren. Z.B. jüngst geschehen in Griechenland:
Banken, die sich bei der EZB Geld zu einem Zinssatz von 0,25% leihen und es an griechische Kreditnehmer gegen 4,95% verleihen, gewinnen enorm."

Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen im Euroraum darüber, keine Bankkredite zu bekommen. Es wird höchste Zeit, dass wir nach Großbritannien schauen und die dortige Kreditvergabepraxis übernehmen: Auf der Insel können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen", betont Kolm.

Die Europäische Zentralbank setzt allerdings primär auf einen Strafzins für Banken-Einlagen, der unter anderem den Geldmarkt zwischen den Banken beleben und damit auch die Kreditvergabe an Unternehmen anregen könnte.

"Wenn wir davon ausgehen, dass die Prognosen stimmen und ein schwacher Wirtschaftsaufschwung bevorsteht, der in den nächsten Jahren zu einer Anhebung der Leitzinsen führt, dann wären aus Sicht des Kreditnehmers heute schon Fixzinsbindungen ins Auge zu fassen, um das Zinsänderungsrisiko zu reduzieren", erklärt Kolm abschließend.

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