Wiener Zeitung - Leitartikel von Thomas Seifert: "Ukrainischer Schoko-König"

Ausgabe vom 27. Mai 2014

Wien (OTS) - Nach der Wahl von Petro Poroschenko zum neuen Präsidenten der Ukraine gibt es Hoffnung in dem Konflikt. "Schoko-König" Poroschenko, der mit einem Konfekt-Imperium zum Milliardär geworden ist, hat angekündigt, sogleich in den russischsprachigen Osten des Landes zu reisen - wo sich die Bevölkerung von Kiew vernachlässigt fühlt und Separatisten eine Loslösung der Region von der Ukraine und einen Anschluss an Russland anstreben. Moskau nahm die Ankündigung wohlwollend zur Kenntnis. Außenminister Sergei Lawrow sagte, dass Moskau bereit zum Dialog mit Poroschenko sei. Poroschenko wiederum nannte die Wiederaufnahme von Beziehungen mit dem "größten Nachbarn" Russland als wichtigste Priorität, stellte aber auch klar, dass Kiew die Annexion der Krim niemals akzeptieren werde.

Nach der Wahl Poroschenkos (er gewann bereits im ersten Wahlgang mit 54 Prozent der bisher ausgezählten Stimmen) gibt es nun die Chance, dass der Ukraine-Konflikt zwischen Kiew und Moskau entschärft werden kann - auch wenn es derzeit aufgrund der ukrainischen Militäroperationen in Donezk auf den ersten Blick gar nicht danach aussieht. Aber: Der Rückhalt der Separatisten in der Bevölkerung scheint bescheiden, und Russlands Präsident Wladimir Putin hat den Deeskalationsdrehknopf betätigt.

Jedenfalls verfügt die Ukraine mit Poroschenko wieder über eine legitime Regierung. Moskau hat offenbar beschlossen, dass er jemand ist, mit dem man durchaus zusammenarbeiten kann. Schon im Juni will der frischgebackene ukrainische Präsident seinen russischen Amtskollegen Putin treffen -- und Poroschenko weiß, dass er die Ukraine nicht einfach wie einen Teppich zusammen- und westlich von Polen wieder ausrollen kann. Er muss einen Modus Vivendi finden.

Für die Maidan-Aktivisten ist die Wahl des Schoko-Oligarchen Poroschenko zum Staatspräsidenten bestenfalls ein weiterer Zwischenschritt auf dem Weg hin zu einer transparenteren, normaleren Ukraine. Denn ihre Revolution richtete sich auch gegen die Übermacht der Oligarchen im Lande, und Poroschenko ist ganz klar ein Mitglied dieser Oligarchenclique - auch wenn er stets betont, die Zeichen der Zeit erkannt zu haben und wirkliche, tiefgreifende Reformen für die Ukraine verspricht. Die Maidan-Aktivisten stellen sich dennoch die Frage: Ist der Schoko-König auch ein Menschenfreund, der die Ukraine in Richtung Europa führen kann?

www.wienerzeitung.at/leitartikel

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
redaktion@wienerzeitung.at
www.wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001