TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Montag, 19. Mai 2014, von Mario Zenhäusern: "Subjektiv unsicher"

Innsbruck (OTS) - Nordafrika-Szene, illegale Prostitution und organisierte Bettelei bewirken, dass immer mehr Menschen in Innsbruck sich immer weniger sicher fühlen. Weil die Polizei das Problem nur verdrängt, nicht beseitigt, ist die Politik gefordert.

Seit mehr als zehn Jahren spielt eine Handvoll Krimineller in Innsbruck mit der Exekutive und mit dem österreichischen Rechtsstaat Katz und Maus. Die österreichischen Gesetze sind den Mitgliedern der Nordafrika-Szene einerlei. Alles, was zählt, ist der Profit. Profit, den sie vornehmlich aus dem Handel mit Marihuana ziehen. Wer nun glaubt, die Legalisierung der illegalen Droge würde den Dealern die Geschäftsgrundlage entziehen, irrt leider. Weil es nicht um die Substanz selbst, sondern um den Profit geht, wäre lediglich die Verlagerung in ein anderes illegales Geschäftsfeld die Folge. Hauptsache, es fließt genügend Geld.
Die Polizei ist trotz großer Bemühungen auf verlorenem Posten. Ähnlich wie die Dopingfahnder hinken sie den Kriminellen einen Schritt hinterher. Die Beamten sind dazu verdammt, Symptome zu behandeln, statt die Ursache zu bekämpfen. Denn die Ursache, die liegt außerhalb ihres Wirkungsbereichs - in Norditalien, wo sich die Mitglieder dieser Gruppe sammeln und organisieren, bevor sie illegal die Grenze nach Österreich bzw. Tirol überschreiten; und in ihren Heimatländern in Nordafrika, wo die Familien auf Geld warten, das die Söhne mit Drogendeals kassieren und nach Hause schicken. Ein Kreislauf, der erklärt, warum den Regierungen der Heimatländer so wenig daran liegt, ihre Staatsbürger zurückzuholen.
Natürlich ist es ungerecht, die Probleme mit der Nordafrika-Szene mit jenen zu vermischen, die derzeit die illegale Prostitution und das organisierte Bettlerwesen bereiten. Die einen sind schwer kriminell, die anderen arm und meist auch noch Opfer einer menschenunwürdigen Ausbeutung. Aber das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung beeinträchtigen auch Prostituierte und Bettler. Frauen, die sich nachts nicht mehr allein in die Tiefgaragen trauen, Stiegenhäuser, die in Bahnhofsnähe in Hochsicherheitstrakte verwandelt werden müssen, weil sie sonst als Toilette, Schlaf- und Drogenumschlagplatz missbraucht werden - das sind Resultate einer Entwicklung, die so niemand vorausgesehen hat. Auch nicht voraussehen konnte.
Weil Repression die Probleme nur verdrängt, statt sie zu beseitigen, ist die Polizei allein machtlos. Und weil das Ausmaß der Beeinträchtigungen in Innsbruck zu klein ist, als dass auf der internationalen Bühne über Auswege gesprochen würde, muss sich die heimische Politik darum kümmern. Eine breite Meinungsbildung könnte da nicht schaden. Auch, weil sie den Menschen das Gefühl gibt, dass ihre Ängste ernst genommen werden.

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