TIROLER TAGESErst verniedlicht, dann verteufelt"ZEITUNG "Leitartikel" vom 15. Mai 2014 von Marco Witting "

Innsbruck (OTS) - Utl.: Der Bärenbesuch in Tirol macht den Umgang mit Wildtieren wieder brandaktuell. Zwar hat sich in Tirol seit Bär Bruno vieles verbessert, doch die Nagelprobe steht noch aus. Noch immer fehlt dem Menschen das Verständnis fürs Tier.

Dieser Bär, der da zwischen Südtirol, dem Unterengadin und Nauders herumrennt, ist ein echter Grenzgänger. Den viele lieber jenseits der eigenen Landesgrenzen sehen würden. Und allgemein herrscht überall die Hoffnung, dass der Bär keine vom Menschen gesetzten Grenzen überschreitet. Denn im Umgang mit Wildtieren tut sich die Menschheit schwer. Erst werden die Bären verniedlicht, dann, wenn sie ihren natürlichen Trieben nachgehen, werden sie verteufelt.
Dabei hat sich seit Bär Bruno, der 2006 durch Tirol, Bayern und sämtliche Medien tapste, von Behördenseite einiges getan. Damals war das Tier einen Sommer lang zum Politikum geworden, der Begriff des Problembären wurde geboren. So musste erst die rechtliche Grundlage für einen Abschuss geschaffen werden. In Bayern, wo das Tier letztlich erlegt wurde, gab es einen Kompetenzstreit zum Abschuss. Es brauchte wieder einen Bärenbesuch - vor zwei Jahren ebenfalls rund um Nauders - für neue Wege. Das Land Tirol reagierte mit Gummigeschossen und kaufte Elektrozäune. Das wirkte. M 13, so hieß das Tier damals offiziell, ging in die Schweiz - und wurde dort zum Problem, als es in ein leer stehendes Haus eindrang. Das Ergebnis war dasselbe. Der Bär wurde erlegt. Tirol blieb die Nagelprobe eines Bären, der länger blieb und der in den Augen der Menschen Ärger machte, bisher erspart.
Die toten Bären Bruno und M 13 und der jetzt rund um Nauders streunende M 25 haben eines gemeinsam. Sie alle stammen aus dem Ansiedlungsprojekt für Bären im Trentino. Das Ziel dieses Projekts:
den vom Aussterben bedrohten Alpenbären wieder anzusiedeln. Abschüsse führen dieses Projekt völlig ad absurdum.
Die leidige Geschichte erinnert an das viel zitierte Florianiprinzip. Der Einsatz für Wildtiere ist groß. Für Tiger und Elefanten wird gesammelt und gespendet. Ansiedlungsprojekte von Bären und Wölfen werden unterstützt. Doch kaum treten die heimischen Beutegreifer bei uns auf, werden sie verteufelt, vergrämt, vertrieben. Werden sie, wie M 13 in der Schweiz, dann trotzdem erschossen, ist der Aufschrei wieder groß. Damit der eigentlich scheue Bär langfristig eine Chance hat, braucht es Akzeptanz. Problembären werden nicht als solche geboren, sondern vielfach vom Menschen dazu gemacht - etwa wenn Abfälle unachtsam liegen gelassen und Bären damit angefüttert werden. Bären sind geschützte Wildtiere. Diese Grenze sollten Menschen nur im äußersten Notfall überschreiten.

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