Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "In Linz beginnt's"

Ausgabe vom 15. Mai 2014

Wien (OTS) - Der oberösterreichische Wohnbau-Landesrat Manfred Haimbuchner von der FPÖ freut sich, dass er mit einem Winkelzug durchgesetzt hat, nur noch Menschen eine geförderte Wohnung zuteilen zu können, die Deutsch-Kenntnisse nachweisen können. Nun könnte man sich darüber lustig machen und Bewohnern geförderter Wohnungen in Oberösterreich etwa die Zubereitung von Pizza, Quiche oder Powidltatschkerl untersagen, da deren Herkunft eindeutig im nicht-deutschsprachigen Raum anzusiedeln ist. Leider ist es nicht ganz so lustig.

Dahinter steht ein Weltbild, das Menschen als Feinde, Vielfalt als Gefahr und Neues als Bedrohung auffasst. Dieses Weltbild ist das Gegenteil von Kultur, es ist der Nährboden für Engstirnigkeit und Rückschritt. Rational betrachtet wird es ohnehin keinen langen Bestand haben, denn es widerspricht allen europäischen Grundgesetzen, auf denen wir alle stehen.

Emotional betrachtet ist es eine Verkümmerung, politisch betrachtet ein Irrsinn. Denn hinter dieser Sprachbarriere steht der Gedanke von Rassengesetzen beziehungsweise Apartheid. Dass so jemand in Österreich Regierungsverantwortung tragen darf, mag mit der oberösterreichischen Landesverfassung zu tun haben, unerträglich ist es allemal.

Es sind hiermit alle anderen Parteien aufgefordert, Haimbuchner aus der oberösterreichischen Landesregierung zu entlassen, von sich aus zurücktreten wird er ja vermutlich nicht. Und es sind alle anderen Parteien aufgefordert, den Begriff Bürger neu zu definieren.

Denn nach der Haimbuchner'schen Definition werden auch keine "zugewanderten" Vorarlberger eine geförderte Wohnung in Oberösterreich erhalten, denn deren "Muttersprache" versteht in Linz niemand. Und nun sind wir größer geworden, die Familie heißt nicht mehr Österreich, sondern Europa.

Also sind es Haimbuchner und die hinter ihm stehende FPÖ, die das schwarze Schaf der Familie darstellen - und nicht umgekehrt. Und wenn sich das schwarze Schaf Haimbuchner auf Beispiele in Kärnten und Vorarlberg berufen kann, so ist es an diesen beiden Bundesländern, das ebenso zu ändern. Es muss endlich Schluss sein mit diesen Abgrenzungen in einem Land, dessen Wohlstand allein darauf gründet, eben diese Grenzen überwunden zu haben.

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