Tiroler tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 13. Mai 2014. Von PETER NINDLER. "Die Stromfrage".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Die Tiroler Umweltanwaltschaft hat sich klar positioniert: Es soll keine neuen (Groß-)Kraftwerke geben. Doch weder Umweltanwalt noch der Landesenergieversorger Tiwag können die Energiefrage entscheiden: Die Politik ist gefordert.

Die Stromfrage in Tirol spaltet, denn zu sehr ist sie mit der Errichtung neuer Wasserkraftwerke an derzeit noch naturnahen und natürlichen Fließstrecken von Bächen bzw. Flüssen verbunden. Jetzt wartet die Umweltanwaltschaft mit einer Statistik auf, wonach Tirol zwischen 2005 und 2012 mehr Strom produziert als verbraucht hat. Nur:
Ein Teil der Energiemenge wie der von den ÖBB im Stubaital erzeugte Strom für die Bahn oder der Verbundstrom im Zillertal fließt nicht zu den Endverbrauchern in Tirol. So weit, so gut. Dass der Stromverbrauch leicht rückläufig ist und durch die Sanierung sowie den Ausbau bestehender Kraftwerke die Leistung erhöht werden konnte, ist viel entscheidender auf dem Weg zur Energiewende. Doch über den Umweg einer Statistik versucht die Umweltanwaltschaft mit wenigen Ausnahmen ihr Nein zu neuen Kraftwerksvorhaben zu untermauern.
Hier erfolgt eine Vermischung, die es gar nicht benötigen würde. Dass für die Umweltanwaltschaft aus ökologischer Sicht der Spielraum für neue große Kraftwerke wie den Ausbau von Sellrain/Silz und Kaunertal gering ist, muss nicht weiter dokumentiert werden. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob und wie eine Energiewende in Tirol mit der angepeilten Selbstversorgung im Jahr 2050 gelingen kann. Das muss vorrangig die Landespolitik erklären. Auch die Wertschöpfungsfrage spielt hier eine zentrale Rolle.
Deshalb sollte der Blick auf den europäischen Strommarkt eine weitere wichtige Diskussionsebene eröffnen, die in Tirol noch zu sehr vernachlässigt wird. Die Stromüberproduktion und der Preisverfall elektrisieren europaweit vor allem potenzielle Projektanten von Pumpspeicherkraftwerken. Natürlich werden solche Vorhaben nicht auf eine, sondern auf mehrere Generationen ausgerichtet. Doch in Tirol wird es darauf ebenfalls Antworten benötigen.
Nicht der Umweltanwalt oder die Tiwag, die jeweils ihre Interessen in den Vordergrund rücken, können die Fragen der strategischen Energieausrichtung des Landes beantworten. Die Politik muss die Richtung vorgeben. Will man die Wasserkraft als Eckpfeiler für die Energieautonomie forcieren, muss man sie fördern. Wenn nicht, müssen Alternativen aufgezeigt werden. Ein Ziel wurde bereits formuliert:
Der Endenergieverbrauch soll auf 50.000 Terrajoule reduziert werden. Wie diese Menge aufgebracht werden soll, darüber gibt es Absichtserklärungen, aber noch zu wenige Taten.

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