TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 10. Mai 2014 von Ivona Jelcic - Die ganze Geschichte erzählen

Innsbruck (OTS) - Utl: Die Zuwanderung ausländischer Arbeiter ist Teil der österreichischen Geschichte.
Die Versäumnisse, die im Bereich der Integration gemacht wurden, sind es auch. Beidem müsste man sich stellen.

Es wirkt in Zeiten, in denen gerade der Deutschtest ein zentrales Kriterium für eine Aufenthaltserlaubnis in unserem Lande ist, geradezu kurios: Als in den 1960er und 70er Jahren mit den Anwerbeabkommen mit der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien die große Zuwanderungswelle ausländischer Arbeitskräfte heranrollte, waren Deutschkenntnisse am allerwenigsten von Interesse. Nicht einmal der Idee, Wörterbücher unter den Ankömmlingen zu verteilen, konnte man in vielen Betrieben etwas abgewinnen. Gefragt war während der wirtschaftlichen Hochkonjunktur Arbeitskraft, nicht Sprachkompetenz. Und "zu Gast" sollten die Menschen aus der Türkei, Jugoslawien oder anderen Herkunftsländern ohnehin nur so lange bleiben, wie sie auch gebraucht wurden.
Die Geschichte nahm bekanntlich einen anderen Lauf - und wenn heute von Historikern und Migrationsexperten ein Archiv der Migration gefordert wird, ist das keineswegs unberechtigt. Weil die Geschichte der so genannten "Gastarbeiter" nun einmal Teil der österreichischen Geschichte der vergangenen Jahrzehnte ist. Mit allen Folgewirkungen, gesellschaftlichen Veränderungen, demografischen Strukturwandeln in Dörfern, Städten und Gemeinden, Reibungspunkten zwischen Religionen und Kulturen, geglückten, aber auch gescheiterten Versuchen des Zusammenlebens, Integrationsdebatten, "Überfremdungs"-Unkenrufen und "Ausländer raus!"-Kampagnen rechtsnationaler Gruppierungen. Diese österreichische Entwicklung und die heutige, weitaus pluralistischere Gesellschaft als jene der 1960er und 70er Jahre können nur dann nachvollziehbar gemacht werden, wenn man die Migrationsgeschichte als einen ihrer wesentlichen Bestandteile miterzählt und archiviert. Ob nun in bestehenden Bundes- und auch Landesarchiven oder in einer eigenen Einrichtung.
Archiviert würden damit freilich auch jahrzehntelange Versäumnisse bei der Integration: Die österreichische Migrationspolitik orientierte sich lange Zeit ausschließlich an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes und kaum an Fragen des Zusammenlebens, an Aspekten wie Spracherwerb und Bildung oder auch Wohnungspolitik. Was aber keinesfalls ein Argument gegen eine Aufnahme des Themas in die österreichische Geschichtsschreibung sein darf - im Gegenteil. Denn diese Haltung, geboren aus der frühen "Gastarbeiter-Ära", hatte Folgen, mit denen man heute noch zu kämpfen hat. Neuerdings ja sogar mit einem eigenen Integrationsminister.

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