TIROLER TAGESZEITUNG LEITARTIKEL von Alois Vahrner 26.04.2014 "Der Hut brennt am Standort Österreich"

Innsbruck (OTS) - Große Konzerne drohen mit der Verlagerung von Zentralen ins Ausland, die Stimmung ist in der Wirtschaft ebenso gereizt wie bei den Bürgern. Die Regierung muss aufpassen, dass ihr die Probleme nicht aus dem Ruder laufen.

Als eine "Insel der Seligen" pries Papst Paul VI. Österreich anlässlich eines Vatikanbesuches des österreichischen Bundespräsidenten Franz Jonas im Jahr 1971. Und gerade einmal etwa zehn Jahre ist es her, als sich deutsche Topmedien wie Der Spiegel, der Stern oder das Manager Magazin fast neidvoll zum kleinen Alpen-Nachbarn blickten und sich mit Schlagzeilen wie "Österreich, das bessere Deutschland" überschlugen.
Davon ist heute längst keine Rede mehr, auch wenn Österreich noch immer zu den leistungsfähigsten und wohlhabendsten Ländern Europas und auch der Welt zählt. Wie lange noch? Diese Frage wird gerade in der österreichischen Wirtschaft immer häufiger und lauter gestellt, zumal sich die Alarmsignale häufen. Zwar nicht dramatisch, aber sukzessive rutscht Österreich bei verschiedenen Wettbewerbs- und Bildungsrankings ab. Als ob dies nicht schon alarmierend genug wäre, gab es zuletzt eine ganze Reihe an Hiobsbotschaften von namhaften Industriekonzernen oder Banken. Etwa wenn voestalpine-Chef Wolfgang Eder gerade Hunderte Millionen in den USA investiert hat, künftig Großinvestitionen vor allem in Amerika tätigen will und in zehn Jahren sogar die Zentrale in Linz zur Disposition stellt. Oder wenn Banken, beispielsweise die Erste Bank oder die Raiffeisen-Landesbank Oberösterreich laut darüber nachdenken, ihre Zentralen nach Osteuropa oder nach Bayern zu verlagern, wo die Steuerlast weit geringer ist als in Österreich.
Die Stimmung bei Wirtschaftstreibenden ist derzeit ebenso gereizt wie bei kleinen Steuerzahlern, nicht nur mit Blick auf das Milliardenloch Hypo Alpe Adria, sondern auf die extrem hohe Steuer-und Abgabenlast. Laut Hochrechnungen der europäischen Statistikbehörde Eurostat ist die Abgabenquote (der Anteil des Erwirtschafteten, das vom Staat über Steuern und Abgaben abkassiert wird) mittlerweile schon auf 45,4 Prozent gestiegen. Damit hat die Alpenrepublik sogar den Wohlfahrtsstaat Schweden überholt, der dank eines Sanierungskurses nur halb so hoch verschuldet ist wie Österreich und in den Wettbewerbs-Ranglisten ganz weit vorne liegt. Österreich ist noch nicht abgesandelt, wie Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl im Vorjahr überspitzt formuliert hatte. Die Alarmsignale sind aber massiv. Mit Stillstand den Wohlstand verwalten zu wollen, wird schiefgehen. Und als vermeintliche Arbeiterpartei SPÖ und Wirtschaftspartei ÖVP darauf zu warten, dass tatsächlich Konzerne und viele Jobs abwandern, und dann Krokodilstränen zu vergießen, wird zu wenig sein.

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