Leitl: Bildungsreform dringend nötig - Schwächen fördern, Stärken fordern

Appell an Bildungsministerin: PISA-Tests österreichweit durchführen - wenn das nicht möglich ist, einzelne Bundesländer zu den Tests zulassen!

Wien (OTS/PWK208) - "Der Leistungsbegriff muss in unseren Schulen wieder in den Vordergrund gerückt werden, damit wir die Talentereserven unserer Schüler bestmöglich ausschöpfen. Bildung ist einer der wichtigsten Schlüsselfaktoren für die Zukunft unseres Landes im internationalen Wettbewerb der Qualifikationen und Talente", betonte Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl heute (Montag) vor Journalisten. Leistung müsse in der Schule gefordert und gefördert werden - auch im Berufsleben muss jeder Leistung erbringen, um zu bestehen. Schulstufen und deren Lernziele sollen aber nicht länger in starrer Jahrgangssystematik definiert werden. Die Schulpflicht soll daher nicht durch Zeitablauf - Absitzen der neun Jahre Schulpflicht - enden, sondern durch Erreichen von Bildungszielen. Leitl: "Es soll niemand mehr aus dem System kommen, der nicht in der Lage ist, eine Berufsausbildung zu bekommen. Dazu brauchen wir eine Differenzierung der schulischen Bildung hin zu einer Individualisierung. Die Schwächeren fördern und die Besseren fordern, lautet die Devise."

Zusätzlich müssen schulische und berufliche Ausbildung künftig in alle Richtungen kombinierbar sein. Zentraler Punkt sei daher die Durchlässigkeit aller Bildungswege. Die Sozialpartner haben diesbezüglich schon vor Jahren entsprechende Reformvorschläge ausgearbeitet. Die Ideen reichen von der frühkindlichen Bildung, über die intensive Unterstützung der Jugendlichen bei der Berufsentscheidung, einer Neudefinition der neunten Schulstufe, einer Attraktivierung der Systeme Lehre mit Matura sowie umgekehrt Matura und Lehre, einer Erleichterung beim Zugang zum tertiären Sektor und damit verbunden einer Aufwertung der Lehrabschlüsse sowie einer Implementierung von Berufsakademien, bis hin zum lebensbegleitenden Lernen älterer Arbeitnehmer. Leitl: "Das derzeitige Bildungssystem hat durchaus seine Stärken, aber es schöpft bei weitem nicht die Bildungs- und Talentereserven der Kinder und Jugendlichen ab. Mit unseren Reformvorschlägen wollen wir die Erfolgsquote deutlich steigern." Gerade die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg nach der Sekundarstufe I soll sich an den individuellen Talenten und Interessen der Jugendlichen orientieren. Dafür brauche es verpflichtende Berufsorientierung und ein Stärkenprofil (Potenzialanalyse) mit persönlicher Beratung. Das soll ab der 7. Schulstufe in allen Schularten (inkl. AHS-Unterstufe) im Rahmen des Unterrichts angeboten werden

In Bezug auf das Thema "lebensbegleitendes Lernen" wies Karl Pisec, Kurator des WIFI-Österreich, darauf hin, dass "das WIFI nicht nur der größte private (Weiter-) Bildungsanbieter Österreichs - mit einem Marktanteil von 25% - ist, sondern in dieser Funktion auch in einer unabhängigen Umfrage (des Industriemagazins) österreichweit zum besten Seminaranbieter gekürt wurde". Insgesamt wurden 90 Institutionen in neun Kategorien von 480 Vorständen, Geschäftsführern und Personalverantwortlichen bewertet. Das WIFI bietet mit neun Landes-WIFIs und 80 Außenstellen österreichweit Kursorte und Werkstätten an. Mit 33.000 Kursen im Kursjahr 2012/2013 (+3,3% gegenüber 2011/12) und 364.000 Kursteilnehmern (+3%) leistete das WIFI einen wichtigen Beitrag zum Ziel der "Life-Long-Learning (LLL) 2020-Strategie" der Erhöhung der Weiterbildungsbeteiligung in Österreich. Pisec: "Wir bilden mit unseren WIFIs aber nicht nur in Österreich weiter, wir begleiten unsere Unternehmen auch ins Ausland und bieten mittlerweile in zehn Ländern Weiterbildungskurse in enger Kooperation mit den Unternehmen vor Ort sowie den jeweils politisch Verantwortlichen in diesen Staaten an." Unter anderem unterstützt das WIFI gerade die Slowakei bei der Wiederimplementierung der Dualen Ausbildung.

In Punkto Dualer Ausbildung fordert die Wirtschaftskammer Maßnahmen zur Attraktivierung der Lehre sowie zur besseren Durchlässigkeit der Bildungswege in alle Richtungen: Das betreffe sowohl "Lehre mit Matura" als auch "Matura mit Lehre". Seit 2008 wird Lehrlingen parallel zur Lehre die Berufsreifeprüfung kostenfrei ermöglicht. Die Gleichwertigkeit der Bildungswege soll auch dadurch zum Ausdruck kommen, dass auf allen Wegen ab dem Alter von 19 Jahren sowohl eine Fachkräfteausbildung abgeschlossen als auch die allgemeine Studienberechtigung erreicht werden kann. Neu angeboten werden soll ein Modell, das einen Lehrabschluss für AHS-Maturanten ab einem Alter von 19 Jahren ermöglicht. Nach einer mindestens einjährigen facheinschlägigen Beschäftigung und einem maßgeschneiderten Berufsschulabschluss soll der Antritt zur Lehrabschlussprüfung somit ab einem Alter von 19 Jahren möglich sein.

Bezüglich "Attraktivierung der Lehre" startet die WKÖ mit den WIFIs heuer das Projekt "Berufsakademie", das Lehrabsolventen nach einigen Jahren Berufserfahrung den Zugang zu einer Ausbildung auf akademischem Niveau eröffnet. Voraussetzung ist eine erfolgreich abgelegte Lehrabschlussprüfung oder eine mindestens dreijährige facheinschlägige berufsbildende Schule, jeweils mit einer einschlägigen zumindest zweijährigen Berufspraxis. Die beiden ersten Berufsakademie-Lehrgänge "Handelsmanagement" und "Marketing-Management" starten im Herbst 2014 in Kooperation mit der Fachhochschule Wien. Sie können österreichweit an den WIFIs berufsbegleitend absolviert werden. Im technischen Bereich ist ein Lehrgang "Mechatronik" in Kooperation mit der Berliner Steinbeis-Universität in Planung.

Michael Landertshammer, Leiter der Bildungspolitischen Abteilung der WKÖ sowie WIFI Institutsleiter, ging in seinen Ausführungen auf die "Causa PISA" ein: "Wir verstehen die diesbezügliche Absage aller Tests (PISA und TIMSS) durch die zuständige Ministerin nicht und appellieren nochmals eindringlich, diese Entscheidung zu überdenken." Bildungspolitik ist klarerweise mehr als "PISA". Landertshammer:
"ABER - um unser Bildungssystem stetig auf dem neuesten Stand zu halten, damit wir im internationalen Bildungs- und Wissenswettbewerb weiter vorne mitspielen, muss unser Bildungssystem überprüft und evaluiert werden und sich dem internationalen Vergleich stellen! Wenn ich Fieber habe und das Thermometer wegschmeiße, bin ich ja deswegen auch nicht fieberfrei." WKÖ-Präsident Leitl ergänzte, dass "es uns am liebsten wäre, wenn ganz Österreich weiter an diesen Tests teilnimmt. Wenn das aber nicht möglich sein sollte, so muss es aber durchaus einzelnen Bundesländern, die weiter daran teilnehmen wollen, ermöglicht werden, dies auch zu tun." Dass das funktioniert, zeige das Beispiel der kanadischen Provinz Quebec, die 2012 in allen PISA-Kategorien "Weltmeister" war. Leitl: "Sollte etwa ein österreichisches Bundesland bei den Tests hervorragend abschneiden, so hätte das Vorteile für den gesamten Bildungsstandort Österreich:
wir könnten uns an diesem Bundesland für die nationale Bildungspolitik orientierten und müssten nicht nur von Außen Input für unser Bildungssystem suchen und holen." (BS)

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