Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 29. März 2014. Von KATHARINA ZIERL. "Bei Bildung endlich Flagge zeigen".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Rechtzeitig zur Wiener Wahl 2015 lässt Bürgermeister Häupl mit dem Plan, Gratis-Nachhilfe für alle Pflichtschüler anzubieten, aufhorchen. Das Wahlzuckerl kann allerdings nicht über die versalzene Bildungssuppe hinwegtäuschen.

Symptome bekämpfen, auf temporäre Besserung hoffen. Tiefer liegende Ursachen suchen? Zu zeitintensiv. Und zu gefährlich. Schließlich könnten bei genauer Betrachtung des Fundaments massive Mängel freigelegt werden. Gerade im Bildungsbereich stehen in Österreich publikumsträchtige Schnellschüsse hoch im Kurs. Mit kostenlosen Zusatzangeboten lässt es sich naturgemäß bei der Bevölkerung am besten punkten. Gratis-Nachhilfe für alle Pflichtschüler. Eine plakative Ansage, die geradezu nach anerkennendem Applaus schreit. Wiens Bürgermeister Michael Häupl hat rechtzeitig zur Wahl 2015 einen nicht zu unterschätzenden Joker aus dem Ärmel gezogen. Die Nachhilfe-Ankündigung ist laut Häupl eine Maßnahme, "um die Bundeshauptstadt in Sachen Bildung fit für die Zukunft zu machen". Wien soll also fit werden, das österreichische Bildungssystem kränkelt indes munter weiter.
Sozial Schwächeren eine Förderung an der Schule zu ermöglichen, ist grundsätzlich zu befürworten. Und als zeitlich begrenzte Überbrückung wohl auch zielführend. Dabei aber das große Ganze zu vergessen, führt das ohnehin angeschlagene österreichische Schulsystem noch tiefer in die Krise. Die Frage, warum immer mehr Kinder jenseits des organisierten Bildungsrahmens Förderungen brauchen, drängt sich schon lange auf. Sogar Volksschüler treten mittlerweile regelmäßig den Weg zur Nachhilfe an, um mithalten zu können. Der massive Druck, Leistung zu bringen, überlagert den Spaß am Lernen. Der Einsatz steigt, das Ergebnis bleibt mangelhaft, wie die vergangenen PISA-Bildungsvergleichstests belegen. Dass dieser Vergleich -Datenleck sei Dank - beim nächsten Mal umgangen wird, ist nur ein weiterer Beleg dafür, dass die Verantwortlichen inzwischen regelrecht Angst davor haben, durchzufallen.
Es sind die großen Brocken, die endlich angepackt werden müssen. An der Oberfläche zu kratzen und den Vergleich mit der Konkurrenz bewusst zu scheuen, bedeutet Stillstand. Der Schritt aus der bildungspolitischen Komfortzone ist längst überfällig. Mehr Ganztagsschulen, mehr Lehrpersonal, kleinere Klassen, der Ausbau der Schulsozialarbeit, individuelle Förderung während des Unterrichts -es braucht konkrete, bundesweite Maßnahmen, um das sinkende österreichische Bildungsschiff vor dem Untergehen zu bewahren. Sinkt das Schiff, steht auch den Wienern - trotz Nachhilfe-Rettungsweste -das Wasser bis zum Hals.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001