Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 26. März 2014. Von IVONA JELCIC. "Ein unmoralisches Angebot".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Der Bund sollte sich gut überlegen, ob er die Sammlung Essl ankauft. Eine Krise im Baumarkt und eine am Kunstmarkt sind als Argumente nicht genug. Weil die eine vielleicht nicht abwendbar ist und die andere womöglich gar nicht kommt.

Im Herbst 2009 eröffnete das Privatmuseum Essl in Klosterneuburg eine Ausstellung, die Sammler und bauMax-Gründer Karlheinz Essl auch als Botschaft an die Politik verstanden wissen wollte. Für die Schau "Aspekte des Sammelns" stellte er zehn internationalen Museen ein Budget für Ankäufe zur Verfügung, die in der Schau gezeigt werden sollten. Essl wollte damit seiner Kritik an den sinkenden Ankaufsbudgets staatlicher Museen Ausdruck verleihen, schließlich seien diese das "kollektive Gewissen einer Nation". Er hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass eben diese niedrigen Budgets nun zum Argument gegen einen Ankauf seiner eigenen Sammlung durch die Republik werden könnten. Aber das Argument ist ein schlagendes: Denn während Bundesmuseen wie etwa das Wiener mumok bei der Erweiterung ihrer Sammlungen vermehrt auf Förderer und Sponsoren angewiesen sind, sollen nun eilends Millionen für die Sammlung Essl lockergemacht werden.
Diese verfügt zweifellos über großes Renommee, bildet mit umfangreichen Beständen österreichischer Künstler wie Maria Lassnig, Arnulf Rainer, Hermann Nitsch oder Max Weiler heimische Kunstgeschichte ab - man kann dem Sammlerpaar Essl diesbezügliche Verdienste kaum absprechen. Bloß: Die Bundesmuseen sammeln auch, sofern sie finanziell noch in der Lage dazu sind. Sie tun es im "öffentlichen Auftrag", mit Blick auf sinnvolle Ergänzungen ihrer Bestände und auch auf sperrige Positionen, die keinem privaten Sammlergeschmack entsprechen müssen.
Kauft der Bund nun das 7000 Werke umfassende "Paket" der Sammlung Essl an, stellt sich nicht nur die Frage, wie damit weiter verfahren werden soll: Führt man Teile sinnvoll mit Museumsbeständen zusammen? Wird es eine Stiftung nach dem Vorbild Leopold geben? Wer betreibt (und bezahlt) künftig das Essl Museum? Fraglich ist auch, wie viel bzw. wenig Geld dann noch für Ankäufe der Museen übrig bleibt. Nicht nur Schwarzmaler dürften da in Sorge geraten.
Andererseits soll der Erlös aus dem Verkauf zur bauMax-Sanierung beitragen und 4000 Arbeitsplätze retten. Nur kommen angesichts des Schuldenstands des Unternehmens leise Zweifel an den Erfolgsaussichten auf. Bleibt noch Ankaufsargument Nummer zwei: der Preiskollaps am Kunstmarkt, vor dem Experten warnen, wenn die Sammlung auf den freien Markt kommt. Auch diesbezüglich regt sich jedoch Widerspruch.
Das Offert entpuppt sich womöglich noch als unmoralisches Angebot:
Und der Bund könnte der Verlockung erliegen, sich zum Retter aufzuschwingen. Dabei aber einiges kaputtmachen.

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