TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 22. März 2014 von Christian Jentsch - Kalte Krieger und vage Zukunft

Innsbruck (OTS) - Utl: Die Ukraine wurde zum Schlachtfeld geopolitischer Interessen. Russland verleibt sich trotz internationaler Ächtung die Krim ein, der Westen versucht dagegenzuhalten. Viele Schatten liegen über einem Neuanfang in Kiew.

Trotz neuer Sanktionen des Wes tens und politischer Isolation will Russland im Eiltempo neue Tatsachen auf der Landkarte schaffen. Gestern wurde in Moskau der international nicht anerkannte Beitritt der völkerrechtlich zur Ukraine gehörenden Krim in die Russische Föderation besiegelt. Der Westen wird und kann diesen Schritt nicht akzeptieren. Wobei eines klar ist: Ein diplomatischer Ausweg scheint mittlerweile verstellt, der Konflikt wird so schnell nicht aus der Welt zu schaffen sein.
Doch trotz der verhärteten Fronten zwischen Russland und dem Westen gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren. Man sollte den "Kalten Kriegern" hüben wie drüben nicht vorschnell auf den Leim gehen. Die Bedienung längst vergessen geglaubter Ressentiments und der Aufbau neuer Mauern löst gar nichts und schafft nur neue Probleme. Ein Rückfall in Zeiten des Kalten Krieges wäre speziell für Europa ein Horrorszenario mit unabsehbaren Folgen, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht. Das muss allen klar sein, die gerne mit dem Feuer spielen. Dass im Schatten von Panzern und russischen Truppen alias "Selbstverteidigungskräften" auf der Krim kein international respektiertes Referendum über die Eingliederung in die Russische Föderation über die Bühne gehen kann, ist klar. Doch auch der Westen muss sich bezüglich der politischen Umwälzungen in der Ukraine einige Fragen gefallen lassen. In einer Übergangsregierung, die das ganze Land inklusive dem russischsprachigen Teil der Bevölkerung vertreten soll, haben hetzerische, rechtsextreme Kräfte schlicht und einfach keinen Platz. Europa, das nun demonstrativ den Schulterschluss mit der neuen Regierung sucht und seine Geldbörse öffnet, sollte hier endlich klare Worte finden.
Politische Hardliner haben die Ukraine zum Schlachtfeld geopolitischer Interessen auserkoren. Anstatt eine Brücke zwischen West und Ost zu schlagen, gibt es nun offenbar nur ein "Entweder-oder".
Den Menschen eines Landes, das wirtschaftlich am Abgrund steht, ist damit freilich nicht gedient. Und das Spiel der die Ukraine beherrschenden Oligarchen, die für einträgliche Geschäfte wohl mit jedem ins Bett steigen würden, ist damit nicht gestoppt.
Die zerrüttete Ukraine braucht dringend eine neue Perspektive jenseits des etablierten korrupten Systems. Nur: Viele der angeblich neuen Hoffnungsträger in Kiew haben im alten System ganz gut mitgeschnitten.

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