TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 19. März 2014 von Manfred Mitterwachauer - Tradition heiligt nicht alles

Innsbruck (OTS) - Utl: Ein Schwerverletzter, ein Freigesprochener und keine Konsequenzen: Die Behörden schieben sich nach dem tragischen Ausgang des Matreier Krampuslaufs gegenseitig die Verantwortung zu. Und BM Köll nimmt das Brauchtum in Geiselhaft.

Die alljährlichen Krampusläufe in Osttirol sind keine Kindergeburtstage. Allen voran der so genannte Klaubauflauf in Matrei. Ein publikums trächtiges Brauchtum, das für den einen oder anderen Teilnehmer - ob Klaubauf oder Zuschauer - blutig oder mit Knochenbrüchen enden kann. Das wissen in Osttirol alle. Ein 15-Jähriger wachte im vergangenen Dezember von dem Treiben erst im Krankenhaus wieder auf. Zuvor war sein Kopf von einem Krampus mehrmals gegen den Boden geschlagen worden. Der angeklagte Verdächtige ging am Montag am Landesgericht frei. Ein glatter Freispruch. Keiner der Zeugen hatte ihn, respektive seine Verkleidung, wiedererkannt. Vorerst bleibt der Fall ungelöst.
Ein tragisches Einzelschicksal? Die Straftat eines Einzeltäters, die nicht zu verhindern gewesen wäre? Vielleicht. Aber eine, die trotz allem nicht ohne Konsequenzen bleiben darf. Genau das droht. Weisen doch Bezirkshauptmannschaft (BH), Gemeindeführung und Polizei jede Verantwortung für dieses Treiben von sich.
Der Klaubauflauf sei keine Veranstaltung. Schon gar keine genehmigungspflichtige. Wo kein Verein, da kein Organisator und somit auch kein Haftender - und vor allem keine behördliche Möglichkeit, Auflagen zu erteilen: In all diese Richtungen argumentiert zumindest der Matreier Bürgermeister Andreas Köll. Mehr noch: Er hält den Kritikern den Brauchtumsspiegel vor. Was über Jahrhunderte gewachsen ist, soll nicht verändert werden. Und er spielt den Ball an die BH weiter - immerhin könne das Krampuslaufen auch als bezirksweite Aktion verstanden werden. Die BH sieht indes den Bürgermeister klar gemäß Veranstaltungsgesetz in der Pflicht. Und die Polizei? Die betont, zumindest vor Ort zu sein.
Jeder kleine Gastgarten muss heutzutage ein aufwändiges Genehmigungsverfahren durchlaufen - Auflagen inklusive. Nicht zuletzt der tragische Tod eines Mullers während eines Fasnachtsumzugs in Innsbruck führte zu verschärften Sicherheitsbestimmungen für Veranstaltungen jeglicher Art. Eine kleine Nummer am Fell wird die Osttiroler Klaubaufe nicht in ihrer Brauchtumspflege beschneiden. Diese Identifikationsmöglichkeit könnte aber helfen, Straftaten aufzuklären. Wie jene in Matrei. Köll müsste nur nach Telfs blicken. Dort wurde dem unorganisierten Krampuslauf per gemeinderätliche Verordnung die Kennzeichnungspflicht auferlegt. Noch sperrt sich Köll dagegen - und nimmt hierfür die Tradition in Geiselhaft.

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