11./12.13. März 1938 Der "Anschluß" Österreichs

Wien (OTS) - Am 12. März 1938 überschritten deutsche Truppen die Grenzen Österreichs, bejubelt von vielen Österreichern. Am 13. März 1938 wurde das Gesetz "Über die Wiedervereinigung mit dem Reich" proklamiert, dass im Nachhinein durch eine Volksabstimmung legitimiert wurde. Der "Anschluß" markierte das Ende der 1. Republik, die in ihrer Widerstandsfähigkeit durch den Bürgerkrieg 1934 und die Aktivität der illegalen Nationalsozialisten, die den autoritären Ständestaat unterwandert hatten, bereits erschüttert war. Der Umstand der militärischen Besetzung durch Deutschland ermöglichte über Jahrzehnte der österreichischen Politik die Entwicklung eines politischen Narrativs vom "ersten Opfer", wodurch die Mitverantwortung Österreichs und persönliche Schuld vieler Österreicher, sowie die Frage der Restitution verdrängt werden konnte. Die strafrechtliche Verfolgung vieler Täter kam im bald einsetzenden "Kalten Krieg" zum Erliegen.

Gleichzeitig begann in den Märztagen die erste Verhaftungswelle gegen Juden und politisch Andersdenkende. Am 1. April 1938 wurde der erste Transport in das KZ Dachau geschickt. Die rassistischen Nürnberger Gesetze wurden auch in Österreich angewandt und bald begannen die pseudolegalen und illegalen Enteignungen der jüdischen Bevölkerung. Die Pogromnacht im November 1938 folgte wenig später und die mehr als 65.000 Juden, denen die Flucht nicht mehr möglich war, kamen in Vernichtungslagern um.

Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit, steigenden Antisemitismus und populistischer Trivialisierung kann die Israelitische Kultusgemeinde nicht genug davor warnen, die Lehren aus jener Zeit zu vergessen und, wenn überhaupt, in einem ritualisierten Gedenken zu verharren. Wer aus der Vergangenheit nichts lernt, ist verurteilt, sie in ähnlicher Form wieder zu erleben. Die heuer veröffentlichte Antisemitismusstudie der Grundrechtsagentur der EU zeigt ein erschütterndes Bild über Zustände in vielen Ländern Europas wie z.B. Ungarn, Griechenland, Frankreich oder Schweden. Auch in Österreich kommt es zu einer steigenden Anzahl von einschlägigen Vorfällen, insbesondere in den Bundesländern. Das Wiedererscheinen der Website "Alpen-Donau" zeigt, dass noch nicht ausreichende Bemühungen insbesondere seitens der Gesetzgebung und Justiz unternommen wurden, um gegen hetzerisches Gedankengut die notwendigen Barrieren zu errichten.

Hier ist Handlungsbedarf gegeben.

Oskar Deutsch
Präsident der IKG

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