TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 13. März 2014 von Peter Nindler "Der gute Hirte Franziskus"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Nach 33 Jahren Papst Johannes Paul II. und Benedikt darf man sich von Papst Franziskus zwar ein Stoßlüften im Vatikan erwarten, aber keinen Reformturbo. Spätestens nach der Bischofssynode im Herbst muss er aber ernsthafte Zeichen setzen.

Es geht uns gut mit Papst Franziskus. Vor einem Jahr wurde der stets freundlich lächelnde und charismatische ehemalige Erzbischof von Buenos Aires zum Nachfolger Benedikts gewählt. Der Wohlfühl-Pontifex wirkte in seinem ersten Jahr vor allem durch seine Person denn mit seinen zaghaften Versuchen, die verkrusteten Strukturen der in jahrhundertealten Hierarchien und Traditionen verhafteten Kirche zu verändern.
Sein Vorgänger hat Glauben und Kirchenalltag von der Basis entrückt. Schließlich war Benedikt nicht nur ein strenger theologischer Lehrmeister, sondern auch Erbe von Johannes Paul II. Aber im Gegensatz zu Benedikt konnte Johannes Paul begeistern und die Menschen in seinen Bann ziehen. Obwohl er in den 27 Jahren seines Pontifikats den mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er-Jahren eingeleiteten kirchlichen Erneuerungsprozess zurückdrängen wollte. Seine äußerliche Toleranz konterkarierte Karol Wojtyla im Inneren mit einer konservativen Personalpolitik, die beispielsweise die Kirche in Österreich in eine schwere Krise gestürzt hat.
Nach 33 Jahren Stillstand hat Franziskus die Fenster im Vatikan geöffnet und beginnt das Machtzentrum von 1,2 Milliarden Katholiken zu durchlüften. "Seit Franziskus lässt es sich freier atmen", sagt auch Innsbrucks Diözesanbischof Manfred Scheuer. Die großen Reformen darf man sich vom Papst allerdings nicht erwarten, noch zu viele von seinen Vorgängerpäpsten Johannes Paul II. und Benedikt in Stein gemeißelte Positionen regieren Rom. Deshalb gibt Franziskus den Gläubigen zumindest das Gefühl, dass er nicht der unfehlbare und unannahbare Oberhirte ist, sondern ein Seelsorger, der mit den Schwächen, Sorgen und Nöten der Menschen leben kann.
Die "Bleischicht von reformunwilligen Kardinälen und Bischöfen" (Martha Heizer) wird die Aufhebung der Ehelosigkeit von Priestern möglicherweise noch Jahre verhindern, aufzuhalten ist sie nicht mehr. Was nützt ein guter Hirte in Rom, wenn die Seelsorge vor Ort mangels Geistlicher austrocknet? Vielleicht wird Franziskus aber auch die Nöte seiner Angestellten einmal erhören, so wie er mit dem Vatikan-Fragebogen zu Familie, Ehe und Sexualität in sein Kirchenvolk hineinhört.
Bei der Bischofssynode im Oktober will der Papst die Ergebnisse der Umfrage erstmals thematisieren. Spätestens dann wird sich zeigen, ob er tatsächlich der erhoffte Reformpapst ist oder nur der von einer undurchdringlichen Bleischicht gut abgeschirmte Seelsorger namens Franziskus.

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