Simon Wiesenthal Lecture "Kulturtraumata, Moral und Solidarität: die soziale Konstruktion des "Holocaust" und anderer Massenmorde."

Vortrag von Jeffrey C. Alexander (Universität Yale) - Vortrag in englischer Sprache

Wien (OTS) - Zu einem kulturellen Trauma kommt es, wenn Angehörige einer Gemeinschaft das Gefühl haben, einem entsetzlichen Ereignis ausgesetzt gewesen zu sein, das in ihrem Gruppenbewusstsein unauslöschbare Spuren hinterlassen, ihre Erinnerungen für immer kennzeichnen und ihre künftige Identität in einer fundamentalen und irreversiblen Weise verändern wird. Während also dieses neue wissenschaftliche Konzept einerseits die kausalen Beziehungen zwischen zuvor nicht zusammenhängenden Ereignissen, Strukturen, Erfahrungen und Aktivitäten abklärt, so erläutert es andererseits aber auch ein vernachlässigtes Gebiet sozialer Verantwortung und politischer Handlungsweisen.

Aber eben indem sie solche kulturellen Traumata konstruieren, machen soziale Gruppen, Nationen, ja manchmal ganze Zivilisationen, das schiere Vorhandensein und die Quelle menschlichen Leids nicht nur fest, sondern erweisen sich auch als durchaus fähig, dafür auch eine moralische Verantwortung zu übernehmen. Indem diese die Ursache des Traumas als moralische Verantwortung erfahren, definieren Mitglieder dieser Gemeinwesen solidarische Beziehungen nun auf eine Weise, die es ihnen erlaubt, Leid mit Anderen zu teilen. Ist das Leid der Anderen also auch unser eigenes? Wenn sie dies als mögliche Tatsache auch akzeptieren, erweitern Gesellschaften so den Kreis des "wir" und schaffen eine Möglichkeit, sich davor zu schützen, dass das Trauma wieder eintreten kann. Unter demselben Vorzeichen können aber soziale Gruppen, was sie auch oft tun, sich weigern, die Existenz des Leids von Anderen anzuerkennen und schanzen dann auch die Verantwortung gerne anderen Menschen als sich selbst zu.

Jeffrey C. Alexander ist Lillian Chavenson Saden Professor für Soziologie und Gründungsdirektor des Center for Cultural Sociology an der Universität Yale. Seine Schwerpunkte sind Sozialtheorie, Kultur und Politik. Unter seinen jüngsten Veröffentlichungen sind:
Performance and Power (2011), Trauma: A Social Theory (2012), The Dark Side of Modernity (2013), sowie Obama Power (erscheint im Mai 2014). Sein Essay "On the Social Construction of Moral Universals:
The 'Holocaust' from Mass Murder to Trauma-Drama" (2002) war u.a. auch ein Beitrag zu Remembering the Holocaust: A Debate (Oxford 2009).

Simon Wiesenthal Lecture "Kulturtraumata, Moral und Solidarität: die
soziale Konstruktion des "Holocaust" und anderer Massenmorde."


Datum: 13.3.2014, um 18:30 Uhr

Ort:
Dachfoyer des Haus-, Hof- und Staatsarchivs freier Eintritt
Minoritenplatz 1, 1010 Wien

Url: www.vwi.ac.at

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI)
Dr. Béla Rásky oder Dr. Jana Starek
Tel.: +43-1-890 15 14
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