Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 23. Februar 2014. Von Floo Weißmann. "Der Geruch des Staatsstreichs".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Mit dem Sturz des verhassten Staatschefs sind die Probleme und Konflikte in der Ukraine noch lange nicht gelöst.

Schneller als erwartet und vorerst ohne weiteres Blutvergießen scheint der Machtkampf in der Ukraine entschieden zu sein. Präsident Viktor Janukowitsch musste das Feld räumen, seine Gegner feiern. Doch damit sind die Probleme des Landes noch lange nicht gelöst - im Gegenteil.
Die Ereignisse vom Samstag trugen den Geruch eines Staatsstreichs, der zumindest zum Teil auf die Initiative von militanten Rechtsextremen zurückgeht. Die Gegner des Präsidenten meinen wohl nicht ganz zu Unrecht, dass der autoritäre Janukowitsch nach Repression und Gewalt seine Legitimität eingebüßt hatte. Doch welche Rolle wird der so genannte rechte Sektor in Zukunft spielen? Und wie will die im Volk diskreditierte und von der Straße getriebene politische Klasse jetzt eine verfassungsmäßige Ordnung durchsetzen? Auch die EU, die noch am Freitag einen geordneten Ausweg aus der Krise vermittelt hatte, steckt jetzt im Dilemma.
Dazu kommt, dass die Regierungsgegner nur in ihrer Ablehnung von Janukowitsch geeint waren. Das so genannte pro-westliche Lager hat durch interne Konflikte und Missmanagement schon die Orange Revolution von 2004 verspielt. Auch jetzt werden die Gegensätze zwischen den drei Oppositionsparteien und den Gruppierungen der Protestbewegung wohl bald wieder aufbrechen. Auch die Oligarchen werden im Hintergrund wieder wichtige Fäden ziehen, um ihre Interessen zu schützen.
Wer immer die Ukraine führen möchte, steht vor einem Berg von Problemen, voran der drohende Staatsbankrott und die Spaltung des Landes in einen nach Russland orientierten Osten und einen Westen, der die Einbindung in die transatlantischen Strukturen wünscht. Aber eine Integrationsfigur, die innen- und außenpolitisch Brücken bauen kann, ist noch nicht in Sicht. Eher droht ein neuerlicher Machtkampf unter veränderten Vorzeichen.

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