Weltpremiere der ORF-koproduzierten Himmler-Doku "Der Anständige" mit Moretti und Co. auf der Berlinale

ORF unterstützt Kinoeinsatz in den USA - Ausstrahlung verschoben

Wien (OTS) - Viel Applaus in Berlin: Gestern, am Sonntag, dem 9. Februar 2014, feierte der vom ORF koproduzierte und bereits mit Spannung erwartete Dokumentarfilm "Der Anständige" bei den 64. Filmfestspielen seine erfolgreiche Weltpremiere. Das von Vanessa Lapa gestaltete Psychogramm Heinrich Himmlers, dem das erst Ende Jänner veröffentlichte sensationelle Konvolut aufgefundener persönlicher Briefe, Tagebücher, Fotos und anderer Dokumente zugrunde liegt, eröffnet einen außergewöhnlichen und bisher unbekannten Blick auf einen der größten Völkermörder der Menschheitsgeschichte. Nach rund sieben Jahren intensivster Arbeit fiel gestern der enorme Druck, der auf der israelischen Filmemacherin gelastet hatte, sichtlich ab. Zu Tränen gerührt stellte sich Lapa, die selbst einer vom Holocaust betroffenen Familie entstammt, gemeinsam mit ihrem Filmteam im Anschluss an die Premiere den Fragen des interessierten Publikums.

Unter den Gästen waren neben ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz u. a. der ehemalige Bundeskanzler Dr. Alfred Gusenbauer, der österreichische Botschafter in Berlin, Dr. Ralph Scheide, der Wiener Großinvestor und Filmfinancier Martin Schlaff mit Ehefrau Barbara, die Autorin und Himmler-Großnichte Katrin Himmler sowie Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky. Ebenfalls in Berlin dabei waren die prominenten Stimmen des Films: Himmler-Sprecher Tobias Moretti samt Kindern Lenz und Antonia, die dem jungen Himmler und der Himmler-Tochter Gudrun ihre Stimmen leihen, Sophie Rois alias Marga Himmler und Burgschauspielerin Pauline Knof, die die Himmler-Geliebte Hedwig Potthast spricht. Im Anschluss an die Premiere fand ein Empfang in der österreichischen Botschaft statt.

Dr. Alfred Gusenbauer: "Unseren deutschen Freunden einen kleinen Schritt voraus"

Als einziger deutschsprachiger Sender hat der ORF das Filmprojekt "Der Anständige" unterstützt, das ausschließlich auf dem privaten Himmler-Nachlass und neu entdecktem filmischen Archivmaterial beruht - ohne erklärenden Text, Zeitzeugeninterviews, Historikerkommentaren, Dreharbeiten an Originalschauplätzen oder Spielszenen. Kein deutscher Sender wollte sich darauf einlassen. "Es freut mich besonders, dass der ORF dazu bereit war, denn es gelingt uns nicht oft, bei diesem Thema unseren deutschen Freunden einen kleinen Schritt voraus zu sein", so der ehemalige österreichische Bundeskanzler Dr. Alfred Gusenbauer, der die Filmemacherin und ihr Projekt schon sehr früh unterstützt hat. "Ich halte das Konzept für atemberaubend. Es ist eindrucksvoll umgesetzt und ich bin fasziniert von der Bildsprache und der Faktendarstellung. Das ist ein großartiger und enorm wichtiger Film geworden", so Gusenbauer.

Dr. Alexander Wrabetz: "Hier ist etwas Einzigartiges gelungen"

Den ursprünglichen Plan, sein Erstausstrahlungsrecht gleich im Anschluss an die Berlinale zu nutzen, verschiebt der ORF nun zugunsten eines größeren Vorhabens: Der internationale Weltvertrieb strebt aufgrund des großen Interesses auch eine Kinoverwertung in den USA an. In Österreich und Deutschland sind bereits Verleiher gefunden. "Wir sind sehr froh und stolz, dass wir bei diesem Projekt dabei sein konnten und es mitermöglicht haben. Hier ist etwas Einzigartiges gelungen: ein Dokumentarfilm, der nicht den klassischen Stil wählt, sondern Dokumente und Bilder allein für sich sprechen lässt", so ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz. "'Der Anständige' ist ein weiteres besonderes Beispiel dafür, wie der ORF seine Verantwortung als Vermittler von Zeitgeschichte wahrnimmt und seinen Beitrag dazu leistet, die Vergangenheit umfassend aufzuarbeiten. Wir wollen diesen Film als erster TV-Sender weltweit so rasch wie möglich unserem Publikum zeigen, doch aufgrund des großen Interesses werden wir unsere Ausstrahlung mit dem Kino-Weltvertrieb koordinieren und dadurch eine noch weitere Verbreitung ermöglichen", so Wrabetz.

Lange, schwierige Reise für Filmemacherin Vanessa Lapa

"Es war eine sehr, sehr, sehr lange und schwierige Reise. Aber ich fühle mich glücklich heute", sagt die in Antwerpen, Belgien, geborene und aufgewachsene Filmemacherin Vanessa Lapa. "Und ich bin sehr froh, in Österreich Partner für diesen Film gefunden zu haben. Dort wurde ich herzlich aufgenommen. Dafür und für das Vertrauen danke ich allen meinen Partnern und Unterstützern." Lapa ist nicht nur Regisseurin des Films, sondern auch Produzentin und - gemeinsam mit dem israelischen Autor Ori Weisbrod - Drehbuchverfasserin. Die auf ihre Echtheit positiv geprüfte Himmler-Sammlung - 276 Briefe Heinrich Himmlers an seine Frau Marga, 135 vornehmlich private Fotografien, die Tagebücher des Ehepaares sowie jenes der Tochter Gudrun, weiters Gudruns Poesiealbum sowie eine ganze Reihe weiterer Dokumente der Familie - ist im Besitz von Lapas Produktionsfirma Realworks Ltd. Zur Verfügung gestellt hat sie ihr Vater David Lapa, der das Konvolut 2006 aus dem Nachlass eines jüdischen Staatsbürgers kaufte, der es rund 40 Jahre unter dem Bett gelagert haben soll. Wie es dorthin gelangte, ist bis dato nicht sicher geklärt.

Produzent Felix Breisach: "Neue Dimension"; Tobias Moretti: "Inferno der Unvorstellbarkeit"

"Nachdem Vanessa Lapa damit zu mir kam, habe ich mich zuerst vergewissert, dass ich nicht in eine 'Schtonk 2'-Falle tappe", erzählt der österreichische Koproduzent des Films, Felix Breisach. Als er verstanden habe, was er da in Händen hatte, kontaktierte der gebürtige Grazer Regisseur und Produzent mit Schwerpunkt Kunst und Kultur den ORF. "Von keinem hochrangigen Nazi hat man je einen privaten Nachlass gefunden. Dieser Fund schreibt zwar nicht die Geschichte des Holocaust neu, aber er eröffnet eine neue Dimension. Der darauf beruhende Film lässt uns die Perfidität dieses Mannes spüren und sehen, wie aus einem ganz normalen Menschen ein Massenmörder werden kann. Das ist ein Film, den wir erzählen müssen, um etwas an nachfolgende Generationen weiterzugeben, die drauf und dran sind, es zu vergessen", so Breisach.
Auch Protagonist Tobias Moretti argumentiert in diesem Sinn: "Es ist erschreckend und erstaunlich, wie banal die Hölle sich nicht nur darstellt, sondern wie banal sich das Inferno der Unvorstellbarkeit einfügt."
Das umfassende Archivmaterial für die Doku hat der deutsche Produktionspartner und Zeitgeschichte-Autor und -filmer Hermann Pölking-Eiken organisiert. "Wir haben in 181 Archiven weltweit recherchiert und von 58 Archiven Filme bekommen. Rund 200, meist private Filme, haben wir für den Film verwendet", erzählt Pölking-Eiken. Dieses Material hat Realworks in Israel aufwendig restaurieren lassen.

Katrin Himmler: "Denke, dass das ein toller Film geworden ist"

Vom Resultat der israelisch-deutsch-österreichischen Kooperation zeigte sich im Rahmen der Premiere auch Katrin Himmler, die Großnichte Heinrich Himmlers, Enkelin des Himmler-Bruders Ernst, beeindruckt. Den privaten Nachlass ihres Vorfahren verarbeitete sie parallel zum Film gemeinsam mit dem Historiker Michael Wildt zu einem heute erscheinenden Buch mit dem Titel "Himmler privat. Briefe eines Massenmörders". "Es hat mich berührt, dass es geschafft ist, weil es viel Arbeit war. Wir haben uns währenddessen eng ausgetauscht, und wir hätten das Buch gar nicht machen können, wenn Vanessa uns nicht das Material zur Verfügung gestellt hätte. Es war eine tolle Zusammenarbeit! Ich bin stolz auf sie und denke, dass das ein toller Film geworden ist."

"Der Anständige" ist eine Produktion von Realworks Ltd. (Vanessa Lapa, Tel Aviv) in Koproduktion mit Felix Breisach Medienwerkstatt GmbH (Wien), Helden der Geschichte UG (Hermann Pölking-Eiken, Berlin), dem ORF und dem israelischen Sender yes.

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