Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 8. Februar 2014; Leitartikel von Mario Zenhäusern: "Letzter Strohhalm Europawahl"

Innsbruck (OTS) - Utl: ÖVP-Chef Michael Spindelegger ist in seiner Partei zunehmend isoliert. Nur mit einem guten Ergebnis bei den EU-Wahlen im Mai kann er die bereits einsetzende Obmann-Debatte zumindest vorläufig beruhigen.

Leidensfähigkeit. Die wichtigste Eigenschaft, die ein ÖVP-Obmann besitzen muss, ist die Fähigkeit, die ständigen Querschüsse aus den eigenen Reihen auszuhalten. Denn die ÖVP, das ist ein alter Hut, ist keine homogene Partei, sondern das kleinste gemeinsame Vielfache aus den einzelnen Bünden und den starken Landesparteien bzw. -hauptmännern. Wer in der schwarzen Reichshälfte die erste Geige spielen will, braucht eine starke Hand. Wer diese Eigenschaft nicht sein Eigen nennt, der benötigt Nehmerqualitäten. Feind, Todfeind, Parteifreund - diese Steigerung hat in der ÖVP seit Jahren besondere Tradition. Tradition hat in der ÖVP auch die schleichende, sich oft über Wochen hinziehende Demontage der Obmänner. Nach und nach wenden sich selbst die treuesten Anhänger ab, am Ende steht der Chef dann ganz alleine da.
So weit ist es bei Michael Spindelegger noch nicht. Aber der ÖVP-Obmann ist weit davon entfernt, der starke Mann in seiner Partei zu sein. Im Gegenteil: Es vergeht keine Woche, in der ihm nicht einer seiner Länder- oder Bündechefs erklärt, was alles schiefläuft im Hause ÖVP. Die verzweifelte Bitte an die Granden, nach dem missglückten Start der Regierung doch den "Reset"-Knopf zu drücken, noch einmal von vorne zu beginnen, dürfte ungehört verhallt sein. Anders sind die Angriffe von Wirtschaftskammer-Präsident Leitl sowie die (nicht neuen) Rufe nach mehr Finanzhoheit für die Länder kaum zu interpretieren. Dass sich ausgerechnet Spindel egger-Intimus Erwin Pröll und dessen oberösterreichischer Landeshauptmann-Kollege Josef Pühringer dafür starkmachen, dass der Finanzminister Macht an die Länder abtritt, verstärkt den Eindruck des Abrückens von der Parteispitze.
Noch allerdings sind keine öffentlichen Spekulationen über einen möglichen Nachfolger zu vernehmen. Zwar taucht hinter vorgehaltener Hand immer wieder der Name Reinhold Mitterlehner auf, offiziell jedoch wagt sich niemand aus der Deckung. Grund dafür sind die Europawahlen im Mai. Sie dürften Spindeleggers letzte Chance sein: Er braucht eigentlich ein fulminantes, zumindest aber ein achtbares Ergebnis. Schafft er das nicht, wovon viele in der Partei ausgehen, ist mit dem Höhepunkt der Obmanndebatte zu rechnen. Und mit einem Ende, das den scheidenden Obmann das Gesicht wahren lässt. Als EU-Kommissar in Brüssel zum Beispiel. Auch das hat in der ÖVP Tradition. Bis dahin braucht Spindelegger vor allem eines:
Leidensfähigkeit.

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