TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Dienstag, 4. Februar 2014, von Florian Madl: "Doping an der Schmerzgrenze"

Innsbruck (OTS) - Die Einnahme von narkotisierenden Präparaten ist längst keine Domäne des Spitzensports mehr. Wenn jeder Dritte Tabletten nimmt, um schmerzfrei Sport treiben zu können, stellt sich die Frage nach der Grundhaltung der Gesellschaft.

Wir wandeln morgens schlaftrunken zum Qi-Gong-Kurs in den Park, finden bei sphärischer Musik und betörenden Duftöl-Kompositionen zu uns selbst. Die Esoterik-Industrie und die Burnout-Prävention raten, sich wieder zu spüren. Dem folgen viele Körperbewusste, aber eben nicht alle. Viele Sportler, gleich welcher Passion oder Profession, bevorzugen, nichts zu spüren. Denn Schmerzen zu fühlen steht dem Bedürfnis im Weg, sich hoch, schnell oder weit fortzubewegen.
Jeder dritte Berufsfußballer, jeder dritte Hobby-Marathonläufer unterdrückt die lästige Beinhaut- oder die quälende Schleimbeutelentzündung wie den nervenden Anruf einer Telefonumfrage. Mit der Erkenntnis, dass körperliches Unbehagen Schlafen, Schuhebinden oder den Gang zum Bäcker nebenan erschwert, lebt es sich leichter.
Die Rolling Stones besangen einst Valium als "Mothers Little Helper" (Mutters kleiner Helfer) und damit die Drogenkultur der 60er. Im neuen Zeitalter finden viele Sportler nichts mehr dabei, sich durch die narkotisierende Wirkung eines Medikaments von Schmerzen zu befreien. Es erweckt bei Zielraum-Interviews nach Skirennen bisweilen den Eindruck, der Konsum von Analgetika trage zur Mythenbildung bei. Doch wie viel Held steckt in einem Abfahrer, der seit drei Jahren zu schmerzstillenden Tabletten greift und die Dosierung nach persönlichem Empfinden steigert? Eine Dauermedikation Schmerzmittel ist im Genre Spitzensport, das sich dem Reinheitsgebot verschreibt, jedenfalls nicht vorgesehen. "Temporäre Einnahme", "begleitende Maßnahme" und "ärztliche Rücksprache" - dieses Thema lässt sich wortgewandt umschiffen.
Schmerzmittel werden, so deren Zutaten nicht dem gängigen Dopingcode widersprechen, niemals auf dem Index verbotener Präparate landen. Sie dürfen es nicht, zumal der schmerzfreie Alltag als Grundbedürfnis jedes Menschen zu werten ist. Vielmehr muss sich der mündige Spitzensportler die Frage stellen, inwieweit er seiner Vorbildwirkung noch gerecht wird und was ihn im Leben nach der Karriere zu erwarten hat. Und der zugedröhnte Hobby-Läufer kann seine Schwächen weniger auf den Körper reduzieren, vielmehr sollte er das Motiv seines Tablettenkonsums hinterfragen. Dazu müsste er sich, so weh ihm das im ersten Moment auch tut, allerdings spüren.

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