TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Der Hang zum Chauvinismus", von Michael Sprenger

Ausgabe vom 27. Jänner 2014

Innsbruck (OTS) - Die Sportberichterstattung des öffentlich-rechtlichen ORF scheint knapp vor dem Beginn der Olympischen Winterspiele in Sotschi wieder einmal die Grenzen journalistischer Distanz abzubauen.

Die Freude war groß. Schließlich dauerte es mehr als acht Jahre, dass mit Hannes Reichelt wieder ein Österreicher in Kitzbühel die Abfahrt gewann. Dass Marcel Hirscher einer der derzeit besten Skifahrer ist, ist unbestritten. Daran ändert auch sein Einfädler im Slalom von Kitz nichts. Und wenn mit Thomas Diethart ein weithin Unbekannter die Vierschanzentournee gewinnt, dann ist die mediale Aufmerksamkeit für den Weitenjäger nachvollziehbar.
Es ist erklärbar, wenn aus solchen sportlichen Erfolgen heraus der Patriotismus seine Nahrung erhält. Und es ist einsichtig, wenn der ORF in seiner Berichterstattung vor allem in den Wintermonaten seine Kameras zuhauf aufstellt, weil es hier Erfolge zu feiern gibt, weil im Schnee mit Erfolgen zu rechnen ist, weil der Sport längst zum Event-Ereignis geworden ist.
Doch selbst wenn es ein rot-weiß-rotes Fahnenmeer zu bewundern gilt, wenn ein unerwarteter Erfolg zu verkünden ist oder wenn die Favoritin einen Sieg einfährt, sollte man sich vor chauvinistischen Ausritten hüten. Gerade die Aufgabe des ernsthaften Journalismus müsste es sein, darauf zu achten, den Blick auf das Wesentliche nicht zu verlieren. Journalisten sollten wissen, dass ein Abstand vom Geschehen allemal von Nutzen ist, hilft er doch, nicht in die Falle des "Du-Journalisten" zu tappen. Diese geradezu banalen Grundregeln gegen die Verhaberung scheinen bei den Sportberichterstattungen immer wieder außer Kraft gesetzt zu werden.
Die jüngsten ORF-Berichte rund um das "brutalste Rennen der Welt", über die Siege "auf österreichischem Schnee" überschritten einmal mehr die Grenze des Erträglichen. ORF-Reporter zeichnen sich immer wieder dadurch aus, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen, bis sich ihre Stimme überschlägt.
Ja, der ORF ist die zentrale Medienorgel des Landes. Ja, es gibt gute und wichtige Gründe für einen öffentlich-rechtlichen Sender. Und nein, es ist keinesfalls gemeint, dass der ORF Unpopuläres produzieren soll. Tut er auch nicht. Aber die Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders kann nicht sein, ein populistisches Massenmedium zu sein, das die Grenzen der nötigen Distanz völlig außer Acht lässt.
Dass es möglich ist, gute Sportberichterstattung ohne Chauvinismus und Fadesse abzuliefern, beweist allemal ein Blick in die Sendungen von ARD und ZDF. Dort wird Reichelts Erfolg ebenso gewürdigt wie jener von Felix Neureuther. Aber eben auf angenehm distanzierte Art und Weise.

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