Ärzteschaft lehnt einheitliche Normen für medizinische Behandlungen und ärztliches Berufsrecht ab (1)

Individuelle Behandlung maßgeblich - ärztliche Selbstverwaltung bewahren

Wien (OTS) - Den Bestrebungen, den Arztberuf und medizinische Behandlungen auf europäischer Ebene zu normieren, wird von der Ärzteschaft eine klare Absage erteilt.

Im Rahmen des sechsten internationalen Wiener Symposiums der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) kamen hochrangige Ärztevertreter am Samstag zu der Auffassung, dass das Europäische Komitee für Normung (CEN) keine Normen für die Ausübung der Heilkunde erstellen könne. Dazu bedürfe es Expertenwissen und gesicherter Evidenz zum Schutz der Patienten; der Normierungsprozess, bei dem die Wissenschaftlichkeit keine Rolle spiele, sondern der nur abbilde, worauf sich interessierte Kreise geeinigt haben, sei dafür untauglich. Zudem müsse die Therapiefreiheit gewahrt bleiben, weshalb Standardisierungen ein gravierendes ethisches Problem darstellten. Dies habe auch der Weltärztebund vor einiger Zeit festgestellt.

Im CEN werde seit einiger Zeit versucht, europaweit gültige Normen für ästhetisch-chirurgische wie ästhetisch nicht-chirurgische Eingriffe durchzusetzen. Sowohl österreichische als auch deutsche Ärzte hatten sich dagegen ausgesprochen. Im Besonderen für Österreich wäre eine Ö-Norm zu diesem Thema völlig verfehlt, gebe es doch ein eigenes Bundesgesetz für ästhetische Behandlungen, das diesen Bereich im Detail regelt, heißt es aus der ÖÄK. Normen, die durch nicht zuständige Institute erstellt und "auf den Markt gebracht" würden, seien mit dem ärztlichen Behandlungsauftrag nicht vereinbar.

"An unserer Position hat sich nichts verändert, und das wird auch so bleiben", betonte der Präsident der deutschen Bundesärztekammer (BÄK), Frank Ulrich Montgomery. "Die Ausübung unseres Berufes erfordert eine sehr hohe fachliche Qualifikation und die Beachtung des aktuellen Standes der anerkannten medizinischen Erkenntnisse. Ob CEN-Normen einen solchen Expertenkonsens abbilden können, muss bezweifelt werden", so Montgomery weiter. Die Erstellung einer Norm durch die Befragung "interessierter Kreise" sei fragwürdig, da eine Parallelstruktur entstehe, die neben rechtlichen Friktionen auch grundsätzliche Legitimationsfragen aufwerfe. Allein der Umstand, dass nur acht der derzeit 33 Mitglieder in CEN einer Norm zustimmen müssten, zeige die falsche Ausrichtung dieses privaten Dienstleistungsunternehmens, das vor allem ein Ziel verfolge:
Kontrolle über den Markt der Gesundheitsdienstleistungen.

Dabei werde CEN von der EU-Kommission unterstützt bzw. beauftragt; rund ein Viertel des derzeitigen Outputs gehe auf Aufträge der Kommission zurück. "CEN ist nicht der Buhmann", brachte Montgomery die Bestrebungen der EU auf den Punkt, eine "gemeinsame Benchmark" für Gesundheitsdienstleistungen zu erstellen. Montgomery: "Das bedeutet unterm Strich nichts anderes, als dass eine ärztliche Leistung, etwa die Versorgung einer Schnittwunde, in jedem EU-Land absolut identisch erbracht werden muss." CEN argumentiere dabei absurderweise damit, dass Patienten durch Normen mobiler würden und nicht zuletzt dank billiger Flüge eine medizinische Leistung nicht in ihrem Heimatland in Anspruch nehmen könnten, sondern dort, wo diese Leistung günstiger erbracht werde. (Forts.)

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