WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Déjà-vu in der Ukraine - von Herbert Geyer

Verdient hätte sich Europa eine zweite Chance in der Ukraine nicht

Wien (OTS) - Noch steht der Machtkampf in der Ukraine auf der Kippe. Niemand weiß, ob das riesige Land im Osten Europas als Vorposten Europas enden wird oder - wieder einmal - als Satellit Russlands. Und die bloße Tatsache, dass in Kiew Zehntausende dem Winter und der Staatsgewalt trotzen, um ihr Land wieder auf den Weg nach Europa zu bringen, kann uns nicht kaltlassen: Die Ukraine braucht die Unterstützung Europas.

Auch wenn wir ein Déjà-vu haben: Es ist gerade erst zehn Jahre her, dass die Orange Revolution ein Abdriften der Ukraine ins Autoritäre verhindert hat und einen längerfristigen Sieg der Demokratie erhoffen ließ. Die Hoffnung war offenbar vergebens.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Nach außen hin waren es vor allem Differenzen zwischen den beiden Führern der Orangen Revolution, dem damaligen Präsidenten Viktor Juschtschenko und seiner Regierungschefin Julia Timoschenko, die das politische System destabilisierten und den russlandfreundlichen Fraktionen wieder Oberwasser gaben.

Der eigentliche Grund für das Scheitern dürfte aber wohl darin gelegen sein, dass der Westen den Ukrainern zwar Sympathien schenkte - sonst aber nicht viel. Die EU beschränkte sich auf Lippenbekenntnisse, statt das Land durch massive Wirtschaftshilfen aus dem Einflussbereich Russlands zu holen und näher an die Union zu binden.

Und da zeigt sich ein Muster: Völkerschaften in unserer näheren oder weiteren Nachbarschaft dürfen sich des Beifalls aus Europa gewiss sein, wenn sie sich auf den Weg zur Demokratie machen - wenn es aber darum geht, diesem Applaus auch jene wirtschaftliche Unterstützung folgen zu lassen, die eine junge Demokratie unbedingt braucht, um sich zu stabilisieren, schwindet Europas Begeisterung rasch. Das zeigt die Ukraine nach 2004 ebenso wie die Länder des Arabischen Frühlings.

Vielleicht gibt es in der Ukraine eine zweite Chance. Verdient hat sie Europa sich nicht.

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