Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 23. Jänner 2014. Von GABRIELE STARCK. "Klimaschutz allein ist zu eng gedacht".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Das Problem, das sich Europa mit unambitionierten Klimaschutzzielen einbrockt, geht weit über die Erderwärmung hinaus. Die EU muss beginnen, gesamthaft und gemeinschaftlich im Sinne einer lebenswerten Umwelt zu handeln.

Mutlos, unambitioniert, schwach. Die Reaktionen von Umweltverbänden auf die Klimaschutzvorschläge der EU-Kommission überraschen nicht. Und dass es gestern seitens der Industrie und Energiewirtschaft keinen Aufschrei des Entsetzens, sondern maximal Bedenken gab, bestätigt die Kritiker nur.
Denn anstatt ambitionierte Vorschläge zur Diskussion zu stellen und dann zu verhandeln, hat die Kommission schon im Vorfeld ihre Ziele so niedrig angesetzt, dass sie keine große Gegenwehr fürchten muss. Das Wesen von Verhandlungen ist allerdings, dass man sich für eine Einigung auf den anderen zubewegen muss. Die EU-Kommission hat jedoch schon jetzt so viele Zugeständnisse gemacht, dass das Resultat letztlich noch unverbindlichere Klimaschutzziele sein werden, als sie gestern in Brüssel präsentiert wurden. Wie zahnlos die EU-Kommission gegenüber den 28-Mitgliedsstaaten ist, zeigt sich konkret in der Scheu, national verbindliche Ziele beim Ausbau erneuerbarer Energien vorzuschlagen. Brüssel weiß, dass es bei der Mehrheit der Staats- und Regierungschefs auf Widerstand stoßen würde.
Das Problem, das sich Europa mit dieser Mutlosigkeit einbrockt, ist jedoch keineswegs auf den Klimaschutz beschränkt. Ohne national verbindliche Ziele werden nämlich jene bestraft, die nicht nur im Klimaschutz, sondern auch in anderen Umweltbereichen ambitionierte Ziele verfolgen: Deutschland etwa, das den Atomausstieg anstrebt und deshalb seiner Industrie und Wirtschaft mehr abverlangt als Staaten, die weiter auf die für alles Leben hochriskante, scheinbar günstige, aber immerhin klimaneutrale Atomenergie setzen. Die Motivation, etwas für eine gesunde Lebenswelt zu tun, wird so geschwächt.
Noch eindrücklicher zeigt die gestrige Empfehlung der Kommission für die Förderung von Schiefergas, dass die EU nur kleine Pflaster auf Umweltwunden legt und nicht die vielfältigen Ursachen für die fortschreitende Krankheit bekämpft. Schiefergas ist nicht nur ein fossiler und keineswegs ganz klimaneutraler Energieträger. Seine Gewinnung ist auch mit noch gar nicht abschätzbaren Folgen für Bodenstabilität und Wasserhaushalt verbunden, da mit hohem Druck Chemikalien in den Untergrund gepumpt werden müssen.
Solange es aber weder ein gesamthaftes noch ein gemeinschaftliches Vorgehen gibt - Letzteres wäre ja eigentlich die Grundidee der EU -, ist Europa Lichtjahre davon entfernt, vorbildhaft zu sein.

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