SN-Exklusiv Interview mit Kaiserenkel Karl Habsburg zum 1. Weltkrieg

Wien (OTS/SN) - Der Erste Weltkrieg gehe auf das Konto des Nationalismus, nicht Österreich-Ungarns, sagt Kaiserenkel Karl Habsburg. Persönlich ist er froh, heute nicht Kaiser von Österreich zu sein, wie die Salzburger Nachrichen in ihrer Ausgabe morgen, Donnerstag, berichten. Heute, 100 Jahre später, ist Karl Habsburg der Chef des Hauses Habsburg. Die SN trafen den 53-Jährigen in seinem Büro in Wien.

SN: 100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird gerade wieder intensiv über die Frage der Kriegsschuld diskutiert. Wer war Ihrer Meinung nach schuld?
Habsburg: Wer versucht, die Kriegsschuld an einem Land oder an einer Person festzumachen, hat die Situation, die in den Ersten Weltkrieg geführt hat, nicht verstanden. Denn die meisten europäischen Länder waren in diese Situation involviert. Daher kann man die Kriegsschuld höchstens einem System zuweisen, und das ist der Nationalismus. Das Grundprinzip des Nationalismus hat in den Ersten Weltkrieg geführt.

SN: Aber Tatsache ist, dass Österreich-Ungarn durch seine Kriegserklärung an Serbien den Weltkrieg begonnen hat.
Habsburg: Das kann ich so nicht stehen lassen. Ja, der Schritt in den Krieg mit Serbien wurde wissentlich unternommen. Aber kein Mensch konnte sich damals vorstellen, welche Dimension dieser Krieg annehmen würde. Man hat im Sommer 1914 nicht die Entwicklung in Russland berücksichtigt, das damals schon seine Armee mobilgemacht hat, was wiederum in Deutschland eine Panikreaktion auslöst hat und so weiter. Man muss sagen: Wenn es nicht die Schüsse von Sarajevo gewesen wären, wäre es halt wenige Wochen später irgendetwas anderes gewesen, das diese Maschinerie in Gang gesetzt hätte.

SN: Sie glauben, der Erste Weltkrieg wäre auch ohne Österreich-Ungarns Kriegserklärung an Serbien gekommen?
Habsburg: Alles war darauf ausgerichtet, dass dieser Krieg kommen würde. Aber jeder hat weggeschaut und geglaubt, es gäbe nur kleine regionale Konflikte. Österreich hat ja gedacht, es gehe nur um einen dritten Balkankrieg, nachdem es sich in den ersten beiden Balkankriegen extrem zurückgehalten hatte - trotz großer Provokationen. Als die Provokation zum dritten Mal kam, mit der Ermordung des Thronfolgers unter ganz klarer Beteiligung der serbischen Institutionen, hat man gesagt: Jetzt muss es einen Schritt gegen Serbien geben. Aber die Perspektive, dass das zu einem Weltkrieg führen würde, hatte damals keiner.

SN: Der australische Historiker Christopher Clark schreibt in seinem Buch "Die Schlafwandler", Russland und Frankreich hätten in Serbien die Lunte zum Ersten Weltkrieg gelegt. Aber man muss sagen:
Angezündet hat sie Österreich-Ungarn. Wie geht man als Habsburger damit um?
Habsburg: Die Lunte hat ja längst gebrannt! Die Schüsse von Sarajevo waren ein Teil davon. Die Frage, die in diesem Zusammenhang immer gestellt wird, ist die nach dem österreichischen Ultimatum an Serbien. Die Formulierungen waren von Wien sicher darauf angelegt, dass es nicht annehmbar war. Aus heutiger Sicht muss man hingegen sagen, das Ultimatum 1914 war nichts gegen das Ultimatum, das die Amerikaner im letzten Jugoslawien-Krieg 1999 an Serbien gestellt haben. Das war tausend Mal härter.

SN: Wie würde man denn so einen Konflikt heute regeln?
Habsburg: Es gibt 2014 mehr Jahrestage als nur 100 Jahre Erster Weltkrieg. Zum Beispiel 200 Jahre Wiener Kongress. Was ist damals geschehen? Nach den Napoleonischen Kriegen saßen Sieger und Besiegte vollkommen gleichberechtigt an einem Tisch und handelten einen Frieden aus, der Europa eine enorm lange Friedensperiode bescherte. Genauso gibt es jetzt nach dem großen Kriegskomplex des Ersten und Zweiten Weltkriegs die längste Friedensperiode, die Europa je erlebt hat. Warum? Weil die Europäische Union den Urkonflikt zwischen Deutschland und Frankreich gelöst hat. Das sind die positiven Schlussfolgerungen, die man aus den Ereignissen ziehen kann.

SN: Sind Sie dafür, dass Serbien Mitglied der EU wird?
Habsburg: Natürlich sollten sie Mitglied sein, selbstverständlich! Es besteht überhaupt keine Zweifel, dass die Serben genauso Europäer sind wir.

SN: Manche vergleichen die Situation der Donaumonarchie kurz vor dem Zerfall 1918 mit der Lage, in der sich die EU heute befindet. Teilen Sie diese Meinung?
Habsburg: Das sind keine sehr historischen Stimmen, die so etwas sagen. Das ist ein bedauerlicher Vergleich, weil er auf Unwissenheit beruht. Die Krise, die wir heute sehen, ist ja keine europäische Krise, sondern eine Krise von europäischen Nationalstaaten, von Griechenland, Spanien und so weiter. Diejenigen Institutionen, die als Einzige auf diese Krise geantwortet haben, sind die europäischen! Also wir haben sicher keine europäische Krise.

SN: Glauben Sie, dass die Donaumonarchie Bestand gehabt hätte, wenn es 1914 nicht zum Krieg gekommen wäre?
Habsburg: Das ist sehr schwer zu sagen. Der Nationalismus war eine Entwicklung, die sich schon im ganzen Jahrhundert vor dem Ersten Weltkrieg bemerkbar gemacht hat, und sie hätte sich weiter verstärkt. Was sich daraus für Strukturen ergeben hätten, kann man heute nicht sagen. Die Donaumonarchie war jedenfalls jene Institution in Europa, die ihren Ethnien und Völkern mit Abstand am liberalsten gegenübergestanden ist. Die Volkshymne wurde in Österreich-Ungarn offiziell in zwölf Sprachen gesungen, das war völlig normal. In Frankreich wäre es damals völlig unvorstellbar gewesen, die Marseillaise auf Bretonisch zu singen.

SN: Aber irgendetwas muss die Donaumonarchie doch falsch gemacht haben? Sonst hätte das politische Motto in Prag in den 30er-Jahren nicht "Lieber Hitler statt Habsburg" gelautet.
Habsburg: Es wurde vieles falsch gemacht, das ist keine Frage. Ich finde es nur problematisch, mit heutigem Wissen die Dinge damals zu kritisieren. Aber der Dualismus war sicher keine gute Lösung. Franz Ferdinand wollte ihn ja ändern, um den slawischen Elementen in der Monarchie auch einen wichtigen Platz einzuräumen. Genau diese Einstellung hat ja zu seiner Ermordung geführt. Weil bei einer Umsetzung seiner Pläne eine serbische Vormachtstellung im slawischen Raum nicht mehr möglich gewesen wäre.Aber noch einmal: Es hat vieles nicht funktioniert damals. Es hätte gar keinen Sinn, da eine rosarote Brille aufzusetzen. Doch es hat auch vieles funktioniert.

SN: Woher kommen die Ressentiments, die den Habsburgern bis heute entgegengebracht werden?
Habsburg: Das ist immer eine Frage, wo man gerade ist. Je stärker ein Land danach unter dem Kommunismus gelitten hat, desto positiver wird die Familie Habsburg gesehen. Also das ist ganz unterschiedlich. Und in vielen Staaten liegt es auch an der herrschenden Geschichtslehre.

SN: Was ist in Ihren Augen der Vorteil der Staatsform Monarchie? Habsburg: Die Kontinuität. In der Monarchie gibt es immer einen langfristigen, berechenbaren Faktor. Das kommt dem Streben der Menschen nach Kontinuität entgegen. Und: Monarchen werden auf ihre Aufgabe vorbereitet.

SN: Wären Sie gern Kaiser?
Habsburg: Wenn Sie mich persönlich als Mensch Karl Habsburg fragen, dann sage ich: nein. Denn ich lebe heute ein Leben, das ich ungemein genieße. Ich komme gerade aus Mali zurück und kann Sachen machen, die mich faszinieren. Als Kaiser von Österreich wäre ich zu 90 Prozent mit Repräsentationsaufgaben eingedeckt. Also persönlich ist mir mein heutiges Leben sicher lieber.

SN: Darf ich fragen, was Sie im afrikanischen Bürgerkriegsland Mali gemacht haben?
Habsburg: Ich war für Blue Shield unterwegs, das ist eine internationale Organisation zum Schutz von Kulturgütern bei bewaffneten Konflikten. In Mali bilden wir gerade malische Offiziere für den Kulturgüterschutz aus. Kriege haben ja heute nicht mehr das Ziel, die Armee des Gegnern zu zerstören, sondern seine Identität -seine Kulturgüter, seine Archive, seine Friedhöfe. Und in Syrien kommt es gerade zu massiven Raubgrabungen auf den archäologischen Feldern. Denn die so geraubten Kulturgüter werfen enorme Summen ab. Gegen beide Entwicklungen wurde die Organisation Blue Shield gegründet, deren Präsident ich bin.

SN: Was sagen Sie zur heutigen österreichischen Politik?
Habsburg: Das kann ich nicht beurteilen, dazu bin ich zu viel im Ausland. Ich würde mir nur wünschen, dass sich Österreich außenpolitisch stärker engagiert. Wenn ich früher in Länder wie Bhutan kam, dann war dort der Name Alois Mock allen ein Begriff. Das ist mir nun seit einigen Jahren nicht mehr passiert.

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Alexander Purger, Innenpolitik

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