TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Dienstag, 21. Jänner 2014, von Anita Heubacher: "Ärztemangel geht in die Verlängerung"

Innsbruck (OTS) - Ähnlich wie bei anderen politischen Meta-Themen fehlt auch in der Gesundheitspolitik die Lust zum harten Durchgreifen. Die jetzt erneut aufgeflammte Diskussion um den Mangel an Sprengelärzten ist nur symptomatisch.

Im gesundheitspolitischen Bermudadreieck Bund, Land und Sozialversicherungen verschwinden seit Jahren wertvolle Vorschläge und Änderungswünsche. Das wird auch die unlängst auf die Welt gebrachte Gesundheitsreform nicht ändern. Solange die Finanzierung aus zwei Töpfen erfolgt, nämlich aus jenem der mehr als 20 Sozialversicherungsträger und jenem des Bundes, bleibt das System chronisch krank. An der Zusammenlegung der Finanzierungstöpfe sind schon einige Gesundheitsminister gescheitert, auch der derzeitige. Die erneut aufkeimende Diskussion rund um den Mangel an Sprengelärzten und an Landärzten in Tirol ist da nur die Spitze des Eisbergs. Ähnlich wie bei anderen politischen Meta-Themen fehlt auch in der Gesundheitspolitik die Lust zum harten Durchgreifen.
Dabei sind die Eckdaten alles andere als erfreulich. Da sind zuerst einmal wir Patienten. Wir werden älter, dementer und vor allem immer öfter chronisch krank. Die Zahl der über 60-Jährigen ist in den letzten zehn Jahren um 19 Prozent gestiegen, die der Gesamtbevölkerung um 4,6 Prozent. Weitere Statistiken erspare ich Ihnen an dieser Stelle. Wir wissen, worauf das hinausläuft. Mehr Bedarf an möglichst wohnortnaher Versorgung.
Und da kommt die Ärzteschaft ins Spiel. Derzeit sind 77 Prozent der niedergelassenen Ärzte Männer und 23 Prozent Frauen. Weil Frauen vielfach doppelt belastet sind, betreuen sie pro Quartal "nur" 842 Patienten, Männer aber 1185. Frauen hören auch früher auf zu arbeiten. Weil aber immer mehr weibliche Ärzte nachkommen, braucht es familiengerechtere Arbeitsmöglichkeiten. Auch nicht ganz neu. In Tirol und Vorarlberg gibt es keine Gruppenpraxen und laut Ärztekammer keine Anreizsysteme für Ordinationen an den Randzeiten. Die Hälfte aller Tiroler Ärzte sind Wahlärzte und reißen sich nicht um Kassenverträge. Bei der Ausbildung sehen Experten ebenso Handlungsbedarf. Auf dem Weg zum Allgemeinmediziner kreuzen Turnusärzte keine Lehrarztpraxis, sondern werden im Spital unterrichtet.
Argumente, die allesamt schon lange auf dem Tisch liegen. Das macht langsam, aber sicher mürbe. Da geht der Glaube an die Wirkung der Gesundheitsreform endgültig verloren, wenn es allein schon für die Lösung einer vergleichsweisen kleinen Frage, wie jener der Sprengelärzte, Jahre braucht, bis sich die Hauptakteure handelseins werden. Es steht zu befürchten, dass der Ball weiter hin und her gespielt wird. Zu Lasten der Patienten.

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