Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 18.Jänner 2014. Von MARIO ZENHÄUSERN. "Strippenzieher an die ÖVP-Spitze".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Die ÖVP unter Michael Spindelegger bietet ein Bild des Jammers. Da wäre es nur logisch, wenn Erwin Pröll selbst Verantwortung übernimmt: Der Landesfürst spielt in der Partei die erste Geige, obwohl er nur in der zweiten Reihe sitzt.

Michael Spindeleggers Ära an der Spitze der Österreichischen Volkspartei neigt sich ihrem Ende zu. Der Niederösterreicher hat es bei den Regierungsverhandlungen mühelos geschafft, gleich sechs Bundesländer vor den Kopf zu stoßen. Statt auf den lauter werdenden Protest zu reagieren, vergatterte er die VP-Spitze zu einer nächtlichen Krisensitzung, die er dann zu allem Überdruss auch noch als "ganz normales Treffen" verkaufen wollte. An der Tatsache, dass es in der Partei rumort, hat das Treffen nichts geändert.
Der Obmann ist schwer angeschlagen, was sich auch im APA/OGM-Vertrauensindex ausdrückt: Spindelegger rutschte tief ins Minus. Ausgerechnet vor der Europa-Wahl, die der Obmann wohl noch schlagen muss, schlittert die ÖVP in die größte Krise der letzten Jahre. Inhaltlich in zentralen Fragen zerstritten und mit einer Führung, die massiv an Vertrauen einbüßt, bietet sie ein Bild des Jammers.
Was in der ÖVP schmerzlich fehlt, ist jene starke Stimme, die einen Strich unter diese Pleiten- und Pannen-Serie zieht. Die "Halt!" schreit. Die Parteibasis grummelt und brummelt zwar, aber nur unter der Hand. Dieses offizielle Stillhalten hat Tradition in der ÖVP: Die Partei ist bekannt für ihre intensiven Führungs- und Flügelkämpfe. Außerdem hat die zögerliche Haltung auch einen personellen Grund:
Erwin Pröll, der starke Mann der ÖVP, steht noch hinter dem Obmann, den er ja selbst gemacht hat. Der Strippenzieher aus St. Pölten hält seit der Ära Schüssel die Fäden in der Hand. In der ÖVP geht ohne ihn gar nichts. Und gegen ihn noch weniger. Diese leidvolle Erfahrung mussten schon viele machen, die zuerst als Hoffnungsträger gefeiert wurden.
Da wäre es eigentlich nur logisch, dass der Niederösterreicher endlich selbst das Ruder übernimmt. Dass er sich selbst der Wahl stellt und nicht eine Marionette vorschiebt. Dass der mächtigste aller heimischen Landesfürsten persönlich die Partei führt, statt aus der zweiten Reihe heraus dafür zu sorgen, dass nichts gegen seinen Willen passiert, dass keine Beschlüsse gefasst werden, die seinen Interessen zuwiderlaufen - um dann postwendend den Stillstand auf Bundesebene zu kritisieren.
Der polternde Polit-Macho Erwin Pröll ist das genaue Gegenteil des kuschelweichen Michael Spindelegger. Er hat in seiner Laufbahn mehr als einmal bewiesen, dass er in der Lage ist, seine Meinung als die einzig richtige durchzusetzen. Soll er doch einmal ganz oben zeigen, was er kann. Erste Reihe fußfrei und ohne die sichere Deckung des Landhauses in St. Pölten.

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