Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Publikumsbeschimpfung"

Ausgabe vom 16. Jänner 2014

Wien (OTS) - Die mutigste politische Entscheidung fiel nicht in Waidhofen an der Ybbs, sondern in Wien: Alle im Parlament vertretenen Parteien haben sich für die "große Lösung" beim dringend notwendigen Umbau des Hohen Hauses ausgesprochen. Das ist aus zwei Gründen richtig: Das Gebäude am Ring ist Symbol für die Demokratie im Land, und bröckelnde Symbole haben einen schlechten Einfluss auf das, was sie symbolisieren. Zweitens ist es mittelfristig billiger. Eine zizerlweise Teil-Renovierung käme am Ende teurer.

Diesen Mut haben viele der Regierung bei ihrer Klausur abgesprochen. Die Opposition sowieso, aber auch der Wirtschaftskammer-Chef, der ÖGB-Präsident und der oberste Vertreter der Industrie. Auch der Arbeiterkammer-Präsident dürfte nicht gänzlich zufrieden sein, seine Forderung nach einem Paket für leistbares Wohnen blieb in Waidhofen vorerst ungehört.

Nun ist das Bashing einer mutlosen Regierung fast schon en vogue geworden - jeder tut das.

Zeit also für eine Publikumsbeschimpfung. In allen Umfragen vor der Wahl war als Koalitionsvariante die Paarung SPÖ und ÖVP unangefochten auf Platz eins. Eine Regierungsbeteiligung der FPÖ mögen demnach die Österreicher nicht so gern, selbst wenn die Partei nun von der Selbstzerstörung des Team Stronach profitiert.

Wer schimpft, der kauft - der alte Spruch trifft auch auf die überwiegende Mehrzahl der Österreicher zu. Denn Hand aufs Herz:
Vorsichtig tastend vorwärts - das ist den meisten die liebste Gangart. Das "vielleicht" kommt öfter vor als ja und nein (zusammen); das Gulasch wird nicht allzu stark gewürzt; und im Ernstfall sind wir nicht dabei gewesen.

Das Augenzwinkern hat im geschäftlichen Leben fast dieselbe Bedeutung wie die Qualität des Produktes - gut für die wirtschaftlichen Erfolge in Osteuropa. Gesetze werden gerne so lange ausgelegt, bis vom Sinn derselben wenig übrig bleibt, manchmal bedeutet schon die dazugehörige ministerielle Verordnung das Gegenteil.

In diesem diffusen Teich schwimmen die Österreicher und haben mehr oder weniger gelernt, dabei keine Wellen zu verursachen. Die Schwarzen sind a "Waunsinn", und die Roten "bringen nix z'samm", aber die Regierung sollen sie - bitteschön - bilden. Nun, das taten und tun sie. Das Publikum möge daher mit der Kritik an Klausur und Regierung typisch österreichisch umgehen: vorsichtig und im Konjunktiv.

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