TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 15. Jänner 2014 von Peter Nindler "Die Kirche benötigt ein Konjunkturpaket"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Papst Franziskus hört endlich in das Kirchenvolk hinein und lädt die Katholiken ein, einen Veränderungsprozess mitzugestalten. Denn ohne Aufbruch von unten wird die Kirche zu einem Minderheitenprogramm absacken.

Papst Franziskus wird die römisch-katholische Kirche mit weltweit 1,2 Milliarden Katholiken nicht auf den Kopf stellen. Aber er mobilisiert das Kirchenvolk. Weil sich die über Jahrhunderte gewachsenen hierachischen Strukturen nicht innerhalb weniger Monate bzw. Jahre reformieren lassen, geht Franziskus den umgekehrten Weg. Der Papst will wissen, wie es den Gläubigen mit der Institution Kirche geht, und will ihre Ansichten zu Ehe, Familie und Sexualität kennen. Er fordert seine Schäfchen damit auf, aktiv am Veränderungsprozess teilzunehmen. Schließlich wenden sich vor allem in Mitteleuropa immer mehr Menschen von der Kirche ab, wie die gestern veröffentlichten Kirchenaustrittszahlen für Österreich zeigen.
Zu sehr hat sich in der Vergangenheit alles auf Rom, den Vatikan und den Papst fokussiert und dabei gänzlich den Kirchturm vor der Haustüre vergessen. Dass vor allem engagierte Christen, ehren- und hauptamtlich in der Kirche tätige Katholiken dem Papst geantwortet haben, ist ein Spiegeldbild der katholischen Wirklichkeit. Die Laien sind das Rückgrat in den Pfarren, sie erhalten das kirchliche Leben in den Dörfern am Leben. Denn nicht nur die Kirchenaustrittszahlen steigen, gleichzeitig sinkt die Anzahl der Kirchgänger und Glaubensaktiven. Viele reagieren gar nicht mehr, nicht einmal, wenn Post vom Papst kommt.
Franziskus wirkt derzeit selbst als Botschafter für einen Aufbruch in der Kirche. Damit dieser gelingt, benötigt er die Basis und den Druck von unten. Der Priestermangel zwingt zu neuen Formen in der Seelsorge. Beten um geistliche Berufe und auf Gottes Hilfe zu vertrauen, ist aus der Sicht von Katholiken nie falsch, löst aber das Problem nicht. Ohne Laien, Frauen wie Männer, die pastoral wirken und Wortgottesdienste leiten, wird die Kirche immer mehr zu einem Minderheitenprogramm. Sollten Priester endlich heiraten dürfen, könnte dies eine Konjunkturbelebung auslösen, doch insgesamt muss sich die Glaubensinstitution breiter aufstellen.
Will die Kirche ihre soziale, kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung zurückgewinnen, muss sie die Menschen dort abholen, wo sie heute leben. Das mag für den Klerus ein schmerzhafter Prozess sein, weil sich ihre Vorstellungen nicht mehr mit dem Alltag im Angesicht des Kirchturms decken. Was die Christen derzeit über ihre Kirche denken, ist deshalb nicht nur für Franziskus wichtig, der im Oktober zur Bischofssynode einlädt, sondern vor allem für die daran teilnehmenden Oberhirten, die Diözesen und die noch aktiven Priester vor Ort.

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