OÖNachrichten-Leitartikel: "Alles wird gut. Wird alles gut?", von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 11. Jänner 2014

Linz (OTS) - Die Österreicher blicken deutlich optimistischer auf das junge Jahr, ließ uns das Marktforschungsinstitut Imas diese Woche wissen. Ein anderer Demoskop, market, lässt sich nicht so weit aus dem Fenster und schrieb gestern von "gedämpftem Optimismus", aber immerhin ist eines in allen Erhebungen erkennbar.
Langsam, langsam scheint sich der Begriff Krise aus unseren Köpfen zu verflüchtigen. Wird alles gut? Dieser Hoffnung liegt tiefgehende Sehnsucht nach Normalität und gewohntem Gang zugrunde, nach Abkehr vom Krisenmodus und Ruhe nach turbulenten Zeiten. Der Zukunftsangst geht die Luft aus. Wenn es so ist und sich weniger fürchten, kann das neue Dynamik zur Folge haben. Für eine ganze Generation junger Leute ändern sich ohnehin die Aussichten. Sie wachsen in eine Gesellschaft hinein, in der ihre Arbeitskraft bitter benötigt wird. Das macht sie gefragt, ihre Position stärker, trotzdem bleibt eine Ungewissheit bestehen.

Die Karrieremuster ihrer Eltern - ein Job und den ein Leben lang -wird es nie mehr geben. Dennoch (oder deswegen?) besteht ein Zuversichts-Gefälle zwischen Jung und Alt. Die Jüngeren sind deutlich optimistischer, weil sie nicht fürchten müssen, dass ihnen die Zukunft nehmen kann, was sie sich Zeit ihres Lebens mühevoll erarbeitet haben. Sie haben nichts. Eben deshalb sind die größten Pessimisten unter den Besitzstand-Wahrern zu finden, sie haben wirklich etwas zu verlieren. Wir befinden uns in der Phase des Vorfrühlings, Knospen durchbrechen das Eis.
Die Reihe der Problemstaaten, die Besserung melden, wird länger. Irland, Island, Portugal. Sogar die griechische Regierung spricht schon von Wachstum, nur die Bevölkerung glaubt ihr nicht. Deutschland und die USA haben die mageren Jahre am besten überstanden, im Windschatten Deutschlands profitiert Österreich. Die Finanzwelt hat Puffer aufgebaut, die Banken um die Hüfte Eigenkapital zugelegt. Auch ist eine sich über Jahre hinziehende langwierig verlaufende Erholung für eine Schuldenkrise typisch. Ihre Bewältigung frisst Zeit, sechs lange Jahre sollten eigentlich reichen.

Zugleich wissen wir, dass längst nicht alles gut ist. Die expansive Geldpolitik der Notenbanken besteht fort, wie Arzneirückstände wird künftig das viele überschüssige Geld wieder aus dem Körper Weltwirtschaft gespült werden müssen, ohne dass der Entzug Schüttelfrost bewirkt. Das dabei verfolgte Muster ist klar: Zinsen unter den Inflationsraten lassen die Sparer und Gläubiger bluten, der zunehmende Steuerdruck hat zudem die Einkommenszuwächse der letzten Jahre weggerafft. Jetzt geht es an die Vermögen - ohne dass der politisch motivierten Forderung nach Vermögenssteuern erst vordergründig nachgekommen werden muss. Der Zugriff auf die Vermögen ist längst im Gange. Und weiterhin evident ist das Großbankenrisiko. Nach der Krise ist damit immer auch ein wenig vor der nächsten Krise. Woher also kommt der aufgefrischte Optimismus? Er hat mit Gewöhnung zu tun, vielleicht auch mit Ignoranz oder einer Fähigkeit der meisten Leute zur geistigen Robustheit, die wir unterschätzen, auch mit einer Verschiebung der Werte. Geld ist eben doch nicht alles. Zwischen Routine und Untergang hat eine Restauration stattgefunden, eine Rückbesinnung, das Verlangen nach dem einfachen Glück, simplen Wonnen des Alltags, einer selbstgewollten Genügsamkeit.

Überhaupt sind wir alle krisenresistenter und realistischer, als wir vermuten, weil es Krisen ja auch immer gegeben hat. Die achtziger und neunziger Jahre, in der Rückschau heute glückliche Jahre, waren von Ölkrise, Golfkrieg, Tschernobyl, atomarer Bedrohung geprägt. Der Blick zurück ist nostalgisch verklärt.
Spuren bleiben immer, in unseren Köpfen haben auch die vergangenen sechs Jahre Furchen hinterlassen. Wir sind nicht dieselben, die wir 2008 gewesen sind. Wir züchten Stachelbeeren, bohren und hämmern ("Do it yourself" wird der neue Megatrend), lesen "Landlust", pflanzen Rüben und Tomaten und kochen ein. Wieder andere materialisieren ihr Geld und setzen es in große Bildschirme, Autos oder Häuser um, ehe Aktien, Anleihen, Sparbücher für immer in einem riesigen schwarzen Loch verschwunden sein werden.

Familie, Freunde, Genügsamkeit und die Berechenbarkeit des eigenen Schrebergartens und des braun getäfelten Einbau-Wohnzimmers halfen über die Ängste der letzten Jahre hinweg. Jetzt merken wir erschreckt, dass das viele Fürchten vielleicht vollkommen umsonst gewesen sein soll.

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