TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Ein Vielleicht zur Gesamtschule", von Cornelia Ritzer, Ausgabe vom 5. Jänner 2014

Immer noch ist die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen hochgradig ideologisch aufgeladen.

Innsbruck (OTS) - Die Bundes-ÖVP lehnte eine Gesamtschule bisher eisern ab. Das Thema drohte die Partei zu spalten. Nun gibt es Signale der Öffnung.

Die Gesamtschule, die gemeinsame Schule der 10- bis 14-jährigen Kinder, kommt im aktuellen Regierungsprogramm nicht vor. Verwundert hat diese Leerstelle nicht, denn lange vor der Wahl zementierten sich SPÖ und ÖVP bei diesem heiklen, dabei so zentralen Bildungsthema ein. Die SPÖ hat einen gültigen Beschluss des Parteivorstands dafür, die ÖVP einen ebensolchen dagegen. Und wie undenkbar für die Volkspartei das Aus für die Unterstufe des Gymnasiums ist, beweist, dass Parteichef Michael Spindelegger sogar seine Person mit dem Nein zum Thema verknüpfte. Dass die ÖVP-Landeschefs von Tirol, Vorarlberg und Salzburg - die "Westachse" - die harte Parteilinie verließen und sich als Befürworter der Gesamtschule positionierten, baute zwar Druck auf. Der reichte aber nicht für einen Kompromiss. Und als die SPÖ-Unterrichtsministerin das Thema kürzlich als noch nicht abgehakt bezeichnete, wurde sie vom Regierungspartner streng zurückgepfiffen. Und nun das: Aus der ÖVP kommen vorsichtige Signale, dass man die Bundesländer doch Modellregionen mit gemeinsamen Schulen machen lassen soll. Ein Signal für ein bildungspolitisches Umdenken bei der Volkspartei? Oder doch nur eine Beruhigungspille für den rebellischen Westen, der - mit Ausnahme von Tirol - bei Spindeleggers jüngster Ministersuche sträflich übergangen wurde? Das öffentliche Nachdenken über Modellregionen ist jedenfalls kein Positionswechsel. Immer noch ist die gemeinsame Schule hochgradig ideologisch aufgeladen, eine Einigung nicht in Sicht. Es ist aber ein Zeichen dafür, dass erkannt wurde, dass brachiale Neinsager-Politik bei den Wählern nicht ankommt.

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