Presserat: Vorgetäuschte Interviews in "Österreich" verstoßen gegen Ehrenkodex

Wien (OTS) - Der Senat 1 des Presserats beschäftigte sich in seiner Sitzung am 19.12.2013 mit dem Artikel "Tränen getrocknet - aber Frust noch riesig", erschienen am 15.10.2013 auf Seite 42 der Tageszeitung "ÖSTERREICH". Das Verfahren wurde vom Senat 1 aus eigener Wahrnehmung eingeleitet.

In dem Artikel wurden in der Form von Frage und Antwort unter Setzung von Anführungszeichen Dialoge zwischen dem Verfasser des Artikels und dem Kapitän des österreichischen Fußball-Nationalteams, Christian Fuchs, bzw. dem Teamchef Marcel Koller wiedergegeben.
In einem offenen Brief des österreichischen Fußball-Nationalteams an die Tageszeitung "Österreich" vom 13. November 2013 wird von Teamspielern gegen "Österreich" der Vorwurf erhoben, dass in "Österreich" "häufig als 'Exklusiv-Interviews' bezeichnete Berichte, für die niemand ... jemals interviewt worden" sei, veröffentlicht würden. In einem Schreiben des Pressesprechers des ÖFB vom 26. November 2013 an den Österreichischen Presserat werden diese Angaben noch einmal bestätigt. Darüber hinaus wird in diesem Schreiben angemerkt, dass es auch noch weitere Beispiele von in der Tageszeitung "Österreich" veröffentlichten Interviews gäbe, welche nie geführt worden seien.

Der Senat 1 sieht in der Vortäuschung von Interviews, die tatsächlich nicht geführt worden sind, einen schwerwiegenden Verstoß gegen den Punkt 2.1 des Ehrenkodex, wonach Gewissenhaftigkeit und Korrektheit in der Wiedergabe von Nachrichten oberste Verpflichtung von Journalisten sind. Ein erfundenes Interview steht in einem diametralen Widerspruch zu den Vorgaben dieses Punktes. Der Journalist der Tageszeitung "Österreich" hat die Leser offenbar bewusst getäuscht.
Darüber hinaus wird durch den gegenständlichen Artikel auch gegen Punkt 5. des Ehrenkodex (Persönlichkeitsschutz) verstoßen. Christian Fuchs und Marcel Koller wurden Aussagen in den Mund gelegt, die diese nicht getätigt haben. Es wurde der falsche Eindruck erweckt, dass der Journalist exklusiv mit Christian Fuchs und Marcel Koller gesprochen habe.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUS EIGENER WAHRNEHMUNG

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall hat der Senat 1 des Presserats auf eigene Initiative ein Verfahren durchgeführt (selbständiges Verfahren aus eigener Wahrnehmung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin der Tageszeitung "Österreich" hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, nicht Gebrauch gemacht. Bisher hat sich die Medieninhaberin der Tageszeitung "Österreich" der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats nicht unterworfen.

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Dr. Tessa Prager,
Sprecherin des Senats 1,
Tel.: 01/21312-1169

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