Mit Schnupfen ins Krankenhaus?

Österreichischer Hausärzteverband veranstaltet Diskussionsabend über die Wege aus dem herrschenden Ambulanz-Chaos

Wien (OTS) - Österreichs Gesundheitssystem ist auf zweifelhaftem Weltrekordkurs - zu Lasten der Patienten, der niedergelassenen Ärzte und der Steuerzahler. 273 Spitalsaufenthalte pro 1.000 Einwohner jährlich, 16 Millionen Patienten in heillos überforderten Spitalsambulanzen, Krankenhaus-Neubauten wie das neue Wiener Krankenhaus Nord, in denen jedes Bett 1 Million Euro kostet. Dem Wahnsinn scheinen keine Grenzen gesetzt, während gleichzeitig der primärmedizinischen Versorgung durch den Hausarzt der Boden unter den Füßen entzogen wird. Mit einem Diskussionsabend am 14. Jänner im Wiener RadioKulturhaus will der Österreichische Hausärzteverband (ÖHV) die Öffentlichkeit und die politischen Entscheidungsträger aufrütteln. Gastreferent ist der Berliner Arzt und Sachbuchautor Dr. Paul Brandenburg.

Selbstbedienungsladen Spitalsambulanz

"Mit Schnupfen ins AKH kann nicht die Zukunft sein, nur weil enthemmte Landespolitik um Milliarden an Steuergeldern Krankenhäuser errichtet und PR-wirksam als attraktive Wellness-Versorgungszentren bewirbt", meint Dr. Wolfgang Geppert, Sprecher des Hausärzteverbandes. Unser Gesundheitssystem verkomme so zum Selbstbedienungsladen. "Von den Verheißungen der Spezialisten- und Apparate-Medizin geblendet, steuern Herr und Frau Österreicher immer öfter automatisch die nahe gelegene Spitalsambulanz an. Auch bei Banalerkrankungen und Befindlichkeitsstörungen wird nicht mehr auf die reguläre Sprechstunde des Vertrauensarztes gewartet", so Geppert.

Der Ambulanzbesuch wird auf diese Art zum Volkssport. Fast die Hälfte aller Patienten kommt ohne ärztliche Überweisung in die Notaufnahme, 87 Prozent werden wieder nach Hause geschickt, 49 Prozent als Bagatellfälle eingestuft, wie eine Untersuchung an Wiener Spitälern kürzlich zeigte. In den übervollen Notfallaufnahmen werden stundenlange Wartezeiten zur Regel. Und es sei tragisch, aber letztlich kein Wunder, dass unter diesen Umständen ernsthafte Erkrankungen in Ambulanzen mitunter nicht mehr rechtzeitig erkannt werden, betont der ÖHV.

"Irdische Zwischenwelt" für Sozialfälle

Dr. Paul Brandenburg, Autor des vor wenigen Wochen erschienenen Sachbuches "Kliniken und Nebenwirkungen. Überleben in Deutschlands Krankenhäusern", stößt in dieselbe Kerbe: "Ein großer Teil der Patienten einer Rettungsstelle wäre bei einem Hausarzt besser aufgehoben. Manchmal auch bei einem Psychologen oder einer Selbsthilfegruppe." Dahinter stehe die heute übliche Annahme vieler Menschen, "mit den Krankenkassenbeiträgen eine Gesundheitsflatrate erworben zu haben". Medizin sei gefühlt kostenlos und ständig verfügbar.

Schon auf den ersten Seiten seines Buches bringt es Brandenburg auf den Punkt: "Wenn Sie die Wahl haben, meiden Sie grundsätzlich ein Krankenhaus." Im Besonderen gelte dies für die Notaufnahmen, denen man "um jeden Preis fernbleiben sollte". Die Ambulanzen seien nämlich vorrangig längst zu Anlaufstellen für Sozialfälle geworden. Oder wie es Autor Brandenburg ausdrückt: "Notaufnahmen sind Sammelstellen der Glücklosen, eine irdische Zwischenwelt für all jene, denen nicht einmal mehr Fernsehen und Yoga in Momenten tiefer Verzweiflung helfen." Die Mehrheit der Patienten in der Notaufnahme wären Obdachlose, Demenzkranke, Alkoholiker und Heerscharen einsamer Stadtneurotiker.

Schuldenfalle Spitalsneubau

"Österreichs Krankenhausträger hätte nichts daran gehindert, schon längst auf die zunehmende Überlastung der Ambulanzen aufmerksam zu machen, wenigstens mit Flugblättern, die nach ungerechtfertigter Inanspruchnahme verteilt würden", so der ÖHV. Stattdessen suchen Gesundheitspolitiker und Patientenanwälte lieber die Ursachen für das Chaos bei den niedergelassenen Ärzten und ihren angeblich ungenügenden Ordinationszeiten.

Das Steuergeld fließt indes in neu errichtete Krankenhäuser als Prestigeprojekte, die sich prima für Fotoshootings eignen. "Den Vogel schießt Niederösterreich ab", erklärt ÖHV-Sprecher Geppert, jenes Bundesland, in dem er selbst früher als Hausarzt tätig war. Auf weniger als 50 Kilometern Luftlinie werden ungeniert vier funkelnagelneue Spitäler (Mödling, Baden, Wr. Neustadt, Neunkirchen) errichtet und das um insgesamt 1 Milliarde Euro. Über 50 Prozent der Aufwendungen des Landes laufen mittlerweile in die 27 Landeskliniken. "Spitäler sind eine Schuldenfalle sondergleichen", so Geppert im Rahmen seiner gesundheitsökonomischen Betrachtungen.

A-B-C-Regel

"Krankenhäuser gehören der politischen Hoheit der Länder entzogen", ist der Österreichische Hausärzteverband überzeugt. Es sei in keiner Weise einzusehen, warum der Bürger doppelt zur Kasse gebeten werde: über seine Sozialversicherungsbeiträge für das System der niedergelassenen Ärzte und über seine Steuergelder, die von den Ländern verprasst werden. Für die Patienten selbst hat ÖHV-Sprecher Geppert eine einfache "ABC-Regel" kreiert: Ambulanzen meiden, bevorzugt zum Hausarzt gehen, Chancen auf Selbstheilung nützen.

Diskussionsabend des Österreichischen Hausärzteverbandes
"Mit Schnupfen ins AKH? - Wege aus dem Ambulanzchaos"


Referenten:

- Dr. med. Paul Brandenburg
Facharzt für Allgemein- und Notfallmedizin in Berlin,
Autor des Buches "Kliniken und Nebenwirkungen. Überleben in
Deutschlands Krankenhäusern"

- Dr. Wolfgang Geppert
Sprecher des Österreichischen Hausärzteverbandes

Weitere Informationen unter www.hausaerzteverband.at

Datum: 14.1.2014, um 19:00 Uhr

Ort:
RadioCafe im ORF RadioKulturhaus
Argentinierstraße 30a, 1040 Wien

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Mag. (FH) Susanna Schindler
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