Erste Raiffeisen Zukunftsdebatte "Gegen-Sätze" im Raiffeisen-Forum in Wien

Frank Schirrmacher versus Sascha Lobo - Analog versus Digital?

Wien (OTS) - Zwei Kapazunder der deutschen Medienlandschaft debattierten Montag Abend im Raiffeisen-Forum in Wien. Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), und Sascha Lobo, Kolumnist und Blogger, stellten sich in der Raiffeisen Zukunftsdebatte "Gegen-Sätze" der Diskussion "Analog oder Digitial"? Wer sich allerdings eine kontroversielle Debatte der beiden Parteien erwartet hätte, wurde eines Besseren belehrt. Denn die zwei konträren Charaktere zeigten sich vor den rund zweihundert Gästen aus der Wirtschafts- und Medienlandschaft sehr einig. Der Grundtenor der Debatte: Die demokratischen Rechte der Gesellschaft dürfen nicht der Digitalisierung zum Opfer fallen.

Zur Einstimmung auf das Thema strich Gastgeber Mag. Erwin Hameseder, Obmann der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien, die Bedeutung der Digitalisierung für die Gesellschaft und vor allem das Bankwesen hervor. "Digital hat uns alle. Analog sind wir alle. Vor allem die jungen Menschen sind mittlerweile daran gewöhnt, nahezu ausschließlich digital zu kommunizieren. Hier sind wir natürlich als Bank sehr gefordert. Raiffeisen hat auf diese Entwicklung sehr früh reagiert und ist heute mit 1,5 Millionen Usern Marktführer beim Online-Banking." "Das Bankgeschäft", so Hameseder weiter, "ist allerdings ein Vertrauensgeschäft. Digitale Systeme werden das persönliche Gespräch zum Kunden nie ersetzen, sondern immer nur ergänzen können."

Die einstündige Debatte startete Sascha Lobo mit einem Appell:
"Digital und analog sind keine Gegensätze. Es geht darum, dass digitale Systeme nicht nur fantastische Instrumente sind. Sie sind auch fantastische Überwachungssysteme." Es sei sehr wichtig, die analogen Rechte, die über Jahrhunderte erkämpft wurden, auch zu schützen. "Das, was wir derzeit erleben, ist der dramatischste Wandel der Gesellschaft, den man sich vorstellen kann", ergänzte Frank Schirrmacher und warnte vor den Erkenntnissen aus dem Internet. Es ginge schon längst nicht mehr um einzelne Daten, sondern um Metadaten. Aus der Art und Weise der Vernetzung von Menschen in den sozialen Medien könnten viele Aussagen über die einzelnen Personen abgeleitet werden. "Zuerst startete die digitale Überwachung militärisch und jetzt kommt sie ganz zahm daher, wie eine Kaffeemaschine. Die neuen Systeme werden uns nicht aufgezwungen, sie geben uns einen Vorteil. So entsteht über Anreize, wie z.B. Kostenreduktion bei Produkten, ein umfassendes Überwachungssystem. Diese beschneidet die Demokratie - die Gesellschaft wird kontrolliert."

Die intuitive Entscheidung unter Naturschutz stellen

"Wir müssen erkennen, dass diese Evolution gigantisch ist und uns darauf einstellen. Für Schüler beispielsweise wird es künftig nicht mehr wichtig sein, alles zu wissen, sondern Falsch von Richtig zu unterscheiden. Wir brauchen neue Lehrprogramme, um die Intuition von Kindern wieder zu fördern", so Frank Schirrmacher. Das digitale System gebe nicht die Antwort, sondern der Mensch am Ende der Kette müsse die Entscheidung treffen. Dafür sei allerdings unerlässlich, dass diese intuitive Entscheidung gegen den Computer - wie z.B. bei Ratingsystemen im Kreditprozess - von Führungskräften oder auch Behörden gedeckt seien. "Die intuitive Entscheidung ist unter Naturschutz zu stellen!"

"Soziale Medien sind in ihrer fantastischen Grundidee durch Kontrolle pervertiert worden. Wir dürfen nicht den Fehler machen zu glauben, dass die Überwachung von digitalen Systemen nur ein Problem der USA sei. Es geht um eine Überwachungsindustrie weit über die NSA hinaus", warnte Lobo. Um die gute Idee wiederzubeleben, brauche es demokratische Kontrolle. Europa sei hier laut Lobo stark gefordert, da die europäische Herangehensweise an soziale Netzwerke näher an der demokratischen Idee sei. In das gleiche Horn stieß auch Schirrmacher:
"Europa hat so viel geschafft! Diese Energien stecken noch immer in unserer Gesellschaft. Wenn wir der Entwicklung - also der totalen Überwachung - gegensteuern wollen, müssen wir neben Amerika und China der dritte große Mitspieler werden!" Es gehe nicht darum, ein eigenes Google zu bauen, aber ähnliches nach den eigenen europäischen Regeln.

Augen schließen ist keine Lösung

Die neuen Medien einfach nicht zu nützen sei laut den beiden Experten allerdings auch nicht die geeignete Methode, um der Entwicklung der totalen Überwachung gegen zu steuern. Denn, ob man wolle oder nicht - und darin waren sich beide Diskutanten einig - die Gesellschaft befinde sich schon mittendrinnen. "Wenn Sie jetzt beginnen, Social Media zu nützen, ist das nichts anderes als in einer Gesellschaft, in der sie schon sind, die Augen zu öffnen", so Lobo. Es müsse aber eine demokratisch vertretbare Weise gefunden werden, diese Technologien zu verwenden, um die Grundrechte der Menschen zu bewahren. "Man kann seine Dummheit nicht besser unter Beweis stellen, als mit dem Satz: 'Ich habe nichts zu verbergen'. Jeder Mensch hat etwas zu verbergen. Das ist gesellschaftlicher Normalzustand. Man nennt es auch Privatsphäre. Dafür hat die Gesellschaft lange kämpfen müssen und diese dürfen wir nicht verlieren!"

Über die Diskutanten:

FRANK SCHIRRMACHER

Frank Schirrmacher ist deutscher Journalist, Buchautor und Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er studierte Germanistik, Anglistik, Literatur und Philosophie in Heidelberg sowie an der Universität Cambridge. Bekannt wurde Schirrmacher auch durch Publikationen wie "Das Methusalem-Komplott" und "Minimum". Als Fürsprecher der "analogen" Seite in der Raiffeisen Zukunfts-Debatte ist Frank Schirrmacher prädestiniert durch sein 2009 erschienenes Buch "Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen".

SASCHA LOBO

Sascha Lobo studierte Publizistik sowie Lebensmittel-, Brauerei-und Biotechnologie. Danach folgte das Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste in Berlin. In der Folge war er als Kreativdirektor in Werbeagenturen tätig und gründete die Blogvermarktungsagentur adnation mit. Seit 2011 verfasst Lobo die Kolumne "Mensch-Maschine" auf Spiegel Online.
Als Blogger und Strategieberater mit Schwerpunkt Internet repräsentiert Sascha Lobo wie kein anderer die digitale Kommunikation. So verfasste er mit einer Coautorin das zuletzt im Herbst 2012 erschienene Werk "Internet - Segen oder Fluch".

"Gegen-Sätze" ist die neue Veranstaltungsreihe der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien. Dieses Format greift gesellschaftsrelevante Themen auf und stellt unterschiedliche Meinungen gegenüber. In einer hochkarätig besetzten Debatte mit Top-Referenten aus dem In- und Ausland sollen Einschätzungen über und Antworten auf brennende Themen der modernen Gesellschaft gegeben werden.

Bildmaterial zur Veranstaltung unter www.rhnoew.at. Es gilt der Fotocredit (c) Raiffeisen NÖ-Wien.

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