TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Dienstag, 26. November 2013, von Florian Madl: "Die Perversion des Leistungssports"

Innsbruck (OTS) - Im Sport prallen die Interessen von Verband, Trainer, Athlet, Veranstalter und Sponsor aufeinander. An jedem Wochenende wird der Versuch unternommen, diese unter einen Hut zu bringen. An manchen Wochenenden scheitert er.

Das windgebeutelte Skispringen von Klingenthal treibt in sozialen Netzwerken kuriose Blüten. Schon werden sie verteufelt, die Verantwortlichen des Weltskiverbands FIS. Die hatten sich zu keiner Absage durchgerungen und werden nun als Hüter von Kommerz und Sponsorinteressen verteufelt. Der mediale Vorschlaghammer fällt tonnenschwer auf ein kleines Grüppchen von Entscheidungsträgern, das zuvor schon dem Druck von Sportlern, Fernsehstationen und Veranstalter ausgesetzt war. Man will sie nicht in Schutz nehmen, die Herren. Aber zumindest ergänzen: Nicht nur Gregor Schlierenzauer, der in Klingenthal ein Zeichen setzte und auf die Demonstration seiner Flugkünste sicherheitsbedingt verzichtete, ist ein Opfer. Auch die Jury ist eines: Das Produkt Skispringen will verkauft werden, dafür wurden die FIS-Experten angestellt, ein Ausfall kostet Reputation und Geld. Keiner will die Schuld daran tragen, dass man nicht vielleicht doch hätte Ski springen können. Der Zugkraft des Sports tut das jedenfalls keinen Abbruch, Stammtisch-Diskussionen mit dem Feindbild FIS potenzieren den Wert einer Marke.
Österreichs ehemaliger Skisprung-Chef Toni Innauer kennt diesen Zirkus, nach einem schweren Sturz im Jahr 2003 meinte er: "Es ist die Perversion des Leistungssports, dass am nächsten Tag viele Dinge vergessen sind." Eine Perversion, für die an diesem Wochenende das Skispringen stand, für das zuletzt andere Extrem- und Freiluftsportarten standen. Erst vor einem Monat bezwang ein brasilianischer Surfer die möglicherweise größte Welle, nachdem er eine halbe Stunde zuvor bei der Wiederbelebung einer Kollegin geholfen hatte. Die Geschichte ging um die Welt, sie trug zur Mythenbildung bei.
Wer dem gegensteuert, muss sich das leisten können, muss unabhängig und unangreifbar sein, was seinen Status in der Szene anbelangt. So wie am vergangenen Wochenende Gregor Schlierenzauer, der als "Überflieger" apostrophiert wird. Oder wie einst Niki Lauda:
Der stieg zwar wenige Wochen nach seinem Feuerunfall wieder ins Rennauto, verließ es aber während eines Regenrennens, obwohl es um die Weltmeisterschaft ging. Nadelstiche wie diese bringen die Luftblase Leistungssport zwar nicht zum Platzen, sie zeigen allerdings die von Innauer zitierte "Perversion des Leistungssports" auf. Die Interessen von Verband, Trainer, Athlet, Veranstalter und Sponsor sind niemals unter einen Hut zu bringen. Im Sport scheitert dieser Versuch an manchen Wochenenden.

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