WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Der Ast, auf dem wir sitzen - von Herbert Geyer

Noch nie seit 2009 hat die Industrie so viele Jobs gestrichen wie heuer

Wien (OTS) - Der Erfolg der Marktwirtschaft besteht ja bekanntlich darin, dass eine "unsichtbare Hand" (wie sie der Erfinder der modernen Volkswirtschaft, Adam Smith, postuliert hat) die egoistischen Eigeninteressen aller Marktteilnehmer so leitet, dass sie letztlich das Gemeinwohl steigern.

Das Gewinnstreben der Unternehmen führt so dazu, dass in Expansion investiert und Arbeitsplätze geschaffen werden, das Eigeninteresse der Arbeitnehmer nach einem guten Leben sichert den Absatz der so hergestellten Produkte und steigert die Unternehmensgewinne.

Die jüngsten Konjunkturzahlen (siehe S. 2) lassen hoffen, dass dieser Mechanismus nun nach der Krise endlich wieder zu greifen beginnt: In Deutschland wird wieder investiert, das schafft auch Jobs in der österreichischen Zulieferindustrie, die neu eingestellten Arbeiter können Urlaub in Griechenland, Spanien oder Italien machen, und in ganz Europa geht es weiter aufwärts. Die Gewinne lassen die Börsenkurse steigen und davon profitieren wieder die, deren Investitionen das Werkel in Gang gebracht haben.

Noch scheint Adam Smiths "unsichtbare Hand" allerdings noch etwas ungelenk zu Werke zu gehen: Noch nie seit 2009 hat die Großindustrie weltweit so viele Jobs gestrichen wie heuer (siehe S. 20). Die Börsenkurse florieren zwar, aber nicht wegen gestiegener Umsätze, sondern weil Jobabbau und andere Sparmaßnahmen die Kosten so weit gesenkt haben, dass auch bei stagnierenden oder fallenden Umsätzen die Gewinne weiter steigen.

Eine Zeit lang kann das auch funktionieren - längerfristig aber nicht: Weil Arbeitslose als Konsumenten eine ziemliche Nullnummer sind, sägt eine Industrie, die ihre Gewinne vor allem durch Jobabbau sichert, an dem Ast, auf dem sie sitzt.

Irgendwann stößt eine Strategie, die die Produktion in Billiglohnländer und den Konsum in ein paar reiche Nationen auslagern will, an ihre Grenzen: Es gibt niemanden mehr, der sich ihre Produkte leisten kann.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt Medien GmbH
Tel.: 0043160117-305
redaktion@wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001