75 Jahre Novemberpogrome: "Flucht ins Ungewisse" am 8. November in "Universum History"

Wien (OTS) - Über Nacht waren sie vogelfrei, befanden sich in Lebensgefahr, wurden ihres Vermögens beraubt. 130.000 jüdische Bürgerinnen und Bürger und politisch Andersdenkende überlebten Terror und Verfolgung des Nationalsozialismus nur, weil ihnen nach "Anschluss" im März und Pogrom im November 1938 die Flucht gelang. Im Rahmen des ORF-Schwerpunkts "75 Jahre Novemberpogrome" (Infos unter presse.ORF.at) zeigt "Universum History" am Freitag, dem 8. November 2013, um 22.40 Uhr in ORF 2 in der Dokumentation "Flucht ins Ungewisse" von Robert Gokl und Tom Matzek den gefährlichen, schwierigen und abenteuerlichen Lebensweg vertriebener Österreicherinnen und Österreicher am Beispiel von vier Lebensgeschichten auf vier Kontinenten.

Es war eine "Flucht in Ungewisse" - die Ausreise aus einem feindlichen Land, das zuvor Heimat war. Jene, die flüchten konnten -ohnehin die glücklichen unter den vom NS-Terror Verfolgten -, erlebten eine monatelange, manchmal jahrelange Odyssee, eine gefährliche Flucht von Land zu Land, in Europa verfolgt von einer Wehrmacht, die unbesiegbar schien. Dort wo sie letztlich strandeten, fanden sie meist kein gelobtes Land, sondern eine fremde Welt mit nicht immer gastfreundlichen Menschen. Der Überlebenskampf im erzwungenen Exil, der Aufbau einer neuen Existenz gelang nur durch enorme Anstrengung, Entbehrung, doppelten Fleiß und Improvisationstalent. Viele scheiterten. Meist die ältere Generation. Was ihr nicht gelang, schafften Kinder und Enkel. Doch ob erfolgreicher Neubeginn oder nicht: Für die meisten blieb Entwurzelung, der Heimat- und Kulturverlust ein lebenslanges Trauma.

"Auswandern ist eine sehr schwere Sache, besonders als Kind. Ohne Geld, ohne Gepäck, ohne Familie - ich war einfach nichts." Lieselotte Laub musste die Bedrohung durch die Nazis als zwölfjähriges Mädchen am eigenen Leib erfahren. Sie und ihre Eltern flüchteten nach dem Novemberpogrom - getrennt. Während die Eltern nach Schanghai gingen, kam Lieselotte Laub nach Palästina. Allein, ohne Besitz fand sie sich wieder in einem Kriegsgebiet: Täglich gab es blutige Auseinandersetzungen zwischen Juden und Arabern - ein Ausnahmezustand, der sie ihr Leben lang begleitete.

"Das Schwierigste für mich war es, meinen Platz in einer fremden Gesellschaft zu finden. Das Leben, das wir gezwungen waren zu führen, hat mich total verunsichert." Doris Ehrenstein flüchtete mit ihrer Mutter. Ziel war zunächst Frankreich. Doch schon bald, mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, war die deutsche Wehrmacht den beiden wieder auf den Fersen. Noch einmal flohen Mutter und Tochter vor den Nazis, nach England. Doch auch hier holte sie bald Hitlers Bombenkrieg ein. Verfolgt von deutschen U-Booten kam ihr Schiff schließlich nach Südafrika. Dem Rassenwahn der Nazis entkommen, erlebte sie über Jahrzehnte den Rassenwahn der Apartheid - nicht als Opfer, aber mit Unbehagen.

"Wir sind von einem Land, in dem wir verachtet wurden, in ein Land gekommen, in dem man uns geachtet hat." Erwin Sensel (1908-2010) war einer der ältesten Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung. Aufgewachsen in der einzigen jüdischen Familie in Kindberg in der Steiermark konnte er Europa auf einem Schiff nach Barbados verlassen, gemeinsam mit mehr als 150 jüdischen Flüchtlingen aus Österreich. In Barbados aber durfte niemand von Bord. Nach einer Odyssee durch die Karibik landeten Sensel und die anderen schließlich in Venezuela und bauten dort eine kleine jüdisch-österreichische Emigranten-Gemeinde auf. Sensels Ehefrau konnte zwei Jahre später über die Sowjetunion und Japan nachkommen, seine Eltern und seine Schwester kamen im Holocaust ums Leben.

"Ich bin Amerikaner, Österreicher, Katholik, Jude ... und stolz auf alle diese Wurzeln!" Harry Weils Familie lebte in Hohenems, Vorarlberg - bis 1938 sein Onkel nach Dachau deportiert und dort ermordet wurde. Über die Schweiz flüchteten seine Eltern mit ihrem achtjährigen Sohn in die Vereinigten Staaten, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Als die Familie nach Kriegsende unbedingt nach Hohenems zurückkehren wollte, scheiterten alle Bemühungen um Restitution am Widerstand der österreichischen Behörden.

Während die einen nach Südafrika, Venezuela, Amerika und Israel flüchten konnten, hofften andere, oft die Verwandten der Vertriebenen, auf Beruhigung der Lage - weil ihre Verwurzelung und ihr Glaube an Österreich so stark war, dass sie Hitler für eine schnell vorübergehende Episode hielten. Es war ein Irrglaube: Sie fielen dem Holocaust zum Opfer.

Die Sendung ist nach der TV-Ausstrahlung sieben Tage auf der Video-Plattform ORF-TVthek (http://TVthek.ORF.at) als Video-on-Demand abrufbar.

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