"Universum History" über "Die Nacht des Terrors"

Auftakt zu ORF-Schwerpunkt "75 Jahre Novemberpogrome" am 1. November um 22.55 Uhr in ORF 2

Wien (OTS) - Kein Geschichtsdatum des 20. Jahrhunderts markiert den Einbruch der Barbarei in die Gesellschaft stärker als die Novemberpogrome vor 75 Jahren - eine im gesamten deutschen Reich synchron organisierte, von großen Teilen der Bevölkerung mitgetragene Judenverfolgung. "Universum History" widmet im Rahmen eines großen ORF-Schwerpunkts diesem denkwürdigen Ereignis zwei außergewöhnliche Dokumentationen. Am Freitag, dem 1. November 2013, wird um 22.55 Uhr in ORF 2 die ZDF/ORF-Koproduktion "Die Nacht des Terrors" (von Peter Hartl und Gordian Maugg) aus der Sicht von Augenzeugen auf Opfer- und Täterseite rekonstruiert. Am Freitag, dem 8. November, porträtiert der Film "Flucht ins Ungewisse" Österreicherinnen und Österreicher, die durch den NS-Terror, der mit dem Anschluss begann und in den Novemberpogromen eskalierte, vertrieben wurden. Alle weiteren Infos zum umfassenden ORF-Schwerpunkt sind unter presse.ORF.at abrufbar.

"Die einzige Erkenntnis war, dass wir nichts mehr zu hoffen hatten in diesem Land. Dass wir möglichst schnell raus mussten. Und nur weg, nur Leben retten", so der Eindruck des damals 16-jährigen Georg Stefan Troller aus Wien. Troller, bekannt als Fernsehautor, u. a. der Axel-Corti-Trilogie "Wohin und Zurück", ist einer der Zeitzeugen des Films "Die Nacht des Terrors" von Peter Hartl und Gordian Maugg.

Für den Sohn eines Wiener Pelzhändlers begann die Verfolgung mit dem "Anschluss": Er wurde aus der Schule ausgeschlossen, die Firma seines Vaters wurde arisiert. Während des Novemberpogroms beobachtete er als Buchbinderlehrling aus einer Werkstatt, wie auf dem Hof der benachbarten Polizeiwache internierte, meist ältere, jüdische Männer von SA-Männern systematisch drangsaliert und gedemütigt wurden.

Auf Geheiß der NS-Führung wurden seit dem 9. November 1938 rund 400 Menschen erschossen, erschlagen oder in den Tod getrieben, nur weil sie als Juden gebrandmarkt waren. 30.000 Männer wurden ins Konzentrationslager deportiert, Frauen, Kinder, Greise gequält und gedemütigt. Die staatlich angestifteten Täter verwüsteten 1.400 Synagogen und setzten sie in Brand - allein in Wien wurden 42 Tempel zerstört. Wien wurde zu einem Zentrum der Ausschreitungen; die antisemitischen Gewalttaten, die im März 1938 mit dem "Anschluss" begannen und sich seitdem kontinuierlich steigerten, verliefen hier besonders willkürlich und brutal.

"Auf einmal war uns klar geworden, das war ein absoluter Bruch hier in unserem Leben und man musste neu anfangen, man musste mit nichts neu anfangen. Das war's." Troller überstand den Novemberpogrom in einem Versteck, sein Vater kam ins Konzentrationslager. Später gelang Troller die Flucht in die USA. Mit den US-Truppen kam er nach Europa zurück und war als einer der ersten GIs im gerade befreiten KZ Dachau.

Die Dokumentation des renommierten Zeitgeschichte-Autors Peter Hartl beschreibt die Ereignisse aus dem Blickwinkel von Beteiligten und Beobachtern, auf der Seite der Opfer und der Täter. Beklemmende, teils unveröffentlichte Archivaufnahmen vermitteln ein Bild von Gleichgültigkeit und Zustimmung zu den beispiellosen Vorgängen. Spielszenen geben wider, was Menschen damals erleiden mussten und wie sie in den Sog der Gewalt gerieten.

Wie war ein derartiger Exzess der Gewalt gegen Mitbewohner, frühere Arbeitskollegen, Nachbarn in einem zivilisierten Land möglich? Was trieb die Täter an, die meist aus der Mitte der Gesellschaft kamen? Wie erlebten die unmittelbar Betroffenen den archaischen Sturm der Erniedrigung und Verfolgung, der kalt-kalkulierend auf die Vertreibung und Enteignung der gesamten jüdischen Bevölkerung in Deutschland zielte?

Der Schauspieler Günter Lamprecht, bekannt als Franz Biberkopf in "Berlin Alexanderplatz" und "Tatort"-Kommissar, geriet damals selbst unvermittelt in den Strudel der Ereignisse. Und kann es bis heute nicht fassen, was in jenem November 1938 geschah. Als achtjähriger Bub, Sohn eines strammen SA-Manns in Berlin, war er mit dabei, als das Geschäft eines jüdischen Tabakhändlers geplündert wurde. Nicht ohne beklemmende Gefühle - doch sein Freund, die Erwachsenen um ihn, selbst die Polizei, sie alle befürworteten die Übergriffe gegen die jüdische Bevölkerung. Erst mit dem Abstand vieler Jahre realisierte er, in welch verkehrter Welt er damals erwachsen geworden ist.

Freitag, 8. November: "Universum History: Flucht ins Ungewisse", 22.40 Uhr, ORF 2

Mit dem "Anschluss" Österreichs an Deutschland waren sie vogelfrei, rechtlos, ihres Vermögens beraubt und bedroht durch Pogrome wie im November 1938. 130.000 jüdische Bürgerinnen und Bürger sowie politische Gegner/innen überlebten NS-Terror, Verfolgung und Holocaust nur, weil ihnen die Flucht gelang. Jene, die sich ins Ausland retten konnten, erlebten eine Odyssee, eine gefährliche Flucht ins Ungewisse, von Land zu Land, oft noch verfolgt von der deutschen Wehrmacht. Dort wo sie letztlich strandeten, ob in Südafrika, Venezuela, Israel oder den USA, erwartete sie kein gelobtes Land, sondern eine fremde Welt. Doris Ehrenstein, Harry Weil, Liselotte Laub und Erich Sensel - am Beispiel dieser Menschen beschreiben Robert Gokl und Tom Matzek den gefährlichen, schwierigen und abenteuerlichen Lebensweg vertriebener Österreicher/innen.

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