Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 29. Oktober 2013. Von PETER NINDLER. "Südtirol ist politisch in Tirol angekommen".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Am Verlust der absoluten Mehrheit wird die Südtiroler Volkspartei innerparteilich noch länger kauen. Realpolitisch sind die Auswirkungen gering. In der Niederlage sind die Reformkräfte um den designierten Landeschef Kompatscher aber die Sieger.

Der Verlust der absoluten Mehrheit für die Volkspartei ist südlich des Brenners historisch, nördlich davon hingegen politische Realität. Also willkommen in der Normalität. Mit ihr wird der neue starke Mann in der Südtiroler Landespolitik und in der Sammelpartei (SVP) Arno Kompatscher wahrscheinlich viel besser umgehen können als der scheidende Landeshauptmann Luis Durnwalder. Auf den seit 24 Jahren absolut regierenden Landesfürsten folgt nämlich jemand, der sich selbst als Teamspieler bezeichnet.
Realpolitisch sind die Einbußen für die SVP verkraftbar. Schon bisher musste sie wegen des ethnischen Proporzes mit der stärksten italienischen Partei in der Landesregierung zusammenarbeiten. Jetzt wird die SVP eben eine Koalition mit der Linkspartei eingehen. In grundlegenden Fragen, vor allem was die Südtirol-Autonomie und die Politik gegenüber Rom betrifft, herrscht ohnehin Übereinstimmung mit der Partito Democratico. Weil aber die Oppositionsparteien wie Freiheitliche, Grüne oder Süd-Tiroler Freiheit zum Teil massiv gestärkt wurden, wird der Parlamentarismus im Landtag sicher lebendiger und das Kräftemessen zwischen Regierung und Opposition intensiver werden.
Als Sieger in der Niederlage kann sich hingegen der designierte Landeshauptmann und SVP-Spitzenkandidat Arno Kompatscher fühlen. Zum einen fielen die Einbußen für seine Partei mit 2,4 Prozentpunkte deutlich geringer aus als noch vor einem Jahr vorausgesagt. Damals steckte die Sammelpartei knietief in der Energieaffäre um den Landesenergieversorger SEL. Andererseits erhielt Kompatscher auf Anhieb 81.107 Vorzugsstimmen. Und gleichzeitig haben die Südtiroler ein klares Zeichen der Erneuerung gesetzt und Kompatschers innerparteilichen Gestaltungsspielraum dafür erweitert. Denn die bisherigen Regierungsmitglieder wurden bei den Vorzugsstimmen gnadenlos abgestraft, die Reformkräfte hingegen gestärkt.
Damit ist die Ära von Luis Durnwalder seit gestern endgültig Geschichte. Die Südtiroler sind seines Systems und seiner Allmacht überdrüssig geworden, die Landtagswahl hat die SVP und die Landespolitik durchlüftet. Arno Kompatscher wird die Fenster öffnen müssen, damit der frische Wind auch spürbar wird. Das wird die Landespolitik positiv beeinflussen, die auch künftig von der SVP geprägt wird.
Dass Durnwalder auf Kompatscher als Nachfolger gesetzt hat, beweist jedoch sein politisches Gespür. So darf er sich abseits der Wahlurnen auch ein wenig als Gewinner fühlen.

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