"5 vor 12 im Pensionssystem": Experten für Anhebung des Antrittsalters und Steigerung der Beschäftigung

Wirtschaftspolitische Gespräche von WKÖ und IHS: Rürup: Frauen durch frühzeitigen Pensionsantritt in Einkommen benachteiligt

Wien (OTS/PWK742) - "5 vor 12 im Pensionssystem" unter diesem Titel stand eine Diskussionsveranstaltung der Wirtschaftspolitischen Gespräche, die die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) in Kooperation mit dem Institut für Höhere Studien (IHS) abhält. Zahlreiche Experten und Interessierte waren gekommen, um den Zustand des österreichischen Pensionssystems zu beleuchten und Lösungsansätze für die Finanzierbarkeit zu diskutieren.

Dass dringender Handlungsbedarf gegeben ist, machte der Moderator der Veranstaltung Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung für Sozialpolitik in der WKÖ, anhand von Daten und Fakten deutlich: "Wir werden immer älter. Die Rest-Lebenserwartung der Österreicher über 60 Jahre stieg seit den 70er Jahren um mehr als fünf Jahre. Das Pensionsantrittsalter ist seitdem jedoch um weitere drei Jahre gesunken. Das ergibt eine Differenz um acht Jahre." Zudem verwies Gleitsmann auf eine aktuelle market-Umfrage, wonach zwei Drittel der Österreich angeben, möglichst früh in Pension gehen zu wollen. Gleichzeitig meinen aber 80 Prozent, sie würden sich körperlich in der Lage fühlen, bis zum gesetzlichen Pensionsantrittsalter ihrer Arbeit nachzukommen.

Unter den Keynote-Speakern war der prominente deutsche Rentenexperte Bert Rürup, der auch 1995 bis 1997 die österreichische Bundesregierung zur Pensionsreform beraten hat. "Man muss Wege suchen, wie man ein Pensionssystem nachhaltig machen kann, ohne dabei signifikant an der Ersatzrate zu drehen", hielt Rürup fest und erläuterte die aus seiner Sicht wichtigsten Ansatzpunkte für eine Reformierung des Systems in Österreich. "Bei der Rentendebatte in Österreich irritiert mich, dass hier nicht über Verteilungsfragen gestritten wird, sondern über Zahlen. Damit immunisiert man sich vor der Realität". Der deutsche Experte plädiert für einen konsistenten Datensatz, auf den sich alle Beteiligten einigen sollten. Dann erst könne man in die Diskussion einsteigen, wie dies auch in Deutschland geschehen sei.

Kernaspekt ist für ihn die Rolle der demografischen Entwicklung im Diskurs. "Pensionspolitik sollte sich in erster Linie an der Wertschöpfung der Erwerbstätigen orientieren, nicht an der Demografie. Österreich hat im internationalen Vergleich kaum ein Demografie-Problem, aber ein großes Problem, das Humankapital der Bevölkerung auszuschöpfen". Nachhaltig könne das österreichische Pensionssystem nur dann aufgestellt werden, wenn die Partizipation der Bevölkerung am Erwerbsleben deutlich erhöht werde. Deshalb sei die Erhöhung des faktischen Pensionsantrittsalters dringend notwendig, betonte Rürup.

Als "völlig unverständlich" bezeichnete der deutsche Ökonom die Tatsache, dass in Österreich für Frauen und Männer "immer noch unterschiedliche Pensionsantrittsalter" gelten. Frauen würden dadurch in ihrem Lebenseinkommen benachteiligt.

Auch Josef Bauernberger, Experte aus dem Sozialministerium, ist der Ansicht, dass nicht die Demografie, sondern der Beschäftigungsgrad entscheidender Faktor ist. Dieser sei zwar in den letzten Jahren in Österreich gestiegen, sollte aber im Sinne einer langfristigen Finanzierbarkeit des Pensionssystems ausgeweitet werden in Richtung 60 bis 70 Prozent.

IHS-Direktor Christian Keuschnigg sprach sich für ein betragsorientiertes Pensionssystem aus. Aus seiner Sicht komme es durch das Pensionssystem in der jetzigen Form zu "unscharfen und teilweise ungewollten Umverteilungen". Dabei sei das Pensionssystem eher ungeeignet für Umverteilung, stattdessen sollte diese über Steuer- und Transferleistungen, am besten schon in der Haupterwerbsphase, passieren. (PM)

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