TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Samstag, 19. Oktober 2013, von Alois Vahrner: "Arme Kirche, reiche Kirche"

Innsbruck (OTS) - Noch immer gehen die Wogen um den deutschen "Luxus-Bischof" Franz-Peter Tebartz-van Elst hoch. Der schwer in die Kritik geratene Bischof sollte rasch abdanken. Die Diskussion über eine ärmere Kirche wird damit aber nicht zu Ende sein.

Der Kontrast könnte ja kaum größer sein: da der neue Papst Franziskus, der nicht nur mit seiner erfrischenden Offenheit und Spontanität, sondern auch mit seiner nicht nur gepredigten, sondern vor allem auch gelebten Bescheidenheit weltweit viele Herzen im Sturm eroberte. Ein Papst, der selbst die Rechnung für das Zimmer während des Konklaves selbst bezahlte, der lieber im Gästehaus-Zimmer als im Apostolischen Palast wohnt und ein Pontifex, der mit der Kirche vor allem gegen die erschreckende Armut auf der Welt kämpfen will.
Wie von einer anderen Welt kommt dann der Skandal um die Kostenexplosion bei der Modernisierung des Bischofssitzes im deutschen Limburg, der mit 31 Mio. Euro ein Mehrfaches der ursprünglich geplanten Summe ausgemacht hat. Dass deutsche Medien von Der Spiegel bis zur Bild genüsslich die Kosten von 350.000 Euro für Einbauschränke, 100.000 Euro für eine Adventkranz-Aufhängevorrichtung im Dom oder die frei stehende Bischofs-Designerbadewanne inklusive Nackenstützen und Standfüßen um 15.000 Euro ausschlachten, war die logische Folge. Zu allem Überdruss ist der Bischof auch noch ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten, weil er eine falsche eidesstattliche Aussage zu einem Luxusflug zu indischen Slums gegeben haben soll.
Inwieweit der Bischof, der als aufstrebender Hoffnungsträger der deutschen Kirche galt, der Welt entrückt ist oder auch falsch beraten wurde, wird zu klären sein - dass sein Verhalten der katholischen Kirche geschadet hat hingegen nicht mehr. Das steht leider fest. Bei aller auch verständlichen menschlichen Solidarität mit dem Amtsbruder: Der Vatikan wird hier einen möglichst raschen und entschiedenen Schlussstrich ziehen müssen - und dies wohl bald auch tun.
Damit ist die Diskussion, wie reich oder arm Kirchen im Sinne Franziskus sein sollen, aber keineswegs beendet. Das gilt nicht nur in Deutschland, sondern genauso in Österreich und anderen reicheren Ländern. "Der eigentliche Reichtum der Kirche sind das Evangelium Jesu Christi und die Gläubigen, die sich als Christen im Alltag bewähren", schreibt etwa die Erzdiözese Wien. Die Kirchen haben nicht nur etwa 70 Prozent aller österreichischen Denkmäler (aber diese auch kostspielig zu erhalten), sondern auch sehr viel Grund- und anderen Besitz im Milliardenwert. Sich davon zu trennen, um Gutes zu tun und zu teilen, wie es in der Bibel heißt, fällt nicht nur den Schäfchen schwer, sondern auch etlichen Hirten.

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