Wiener Zeitung: Leitartikel von Thomas Seifert: "Ach, Amerika"

Ausgabe vom 17. Oktober 2013

Wien (OTS) - Rückblende: Im September 2011 treffen sich die EU-Finanzminister am Höhepunkt der Eurokrise in Wroclaw. Mit dabei:
Timothy F. Geithner, US-Finanzminister. Er ist extra nach Polen gereist, um seinen europäischen Amtskollegen gute Ratschläge zur Rettung des damals taumelnden Euro zu geben. Der europäische Think-Tank Bruegel hat sich die Mühe gemacht, Geithners öffentlichen Terminkalender zu durchforsten: Vom Jänner 2010 bis Juni 2012 - der heißen Phase der Euro-Krise - hatte er nicht weniger als 168 Treffen oder Telefonkonferenzen mit europäischen Finanzministern oder dem EZB-Chefs Jean-Claude Trichet oder seinem Nachfolger Mario Draghi.

Geithners Nachfolger Jacob J. Lew hatte in den vergangenen Wochen ganz andere Sorgen. Er musste bangen, dass ihm am 17. Oktober das Geld ausgeht - es sei denn, der US-Kongress erhöht bis dahin Schuldenobergrenze. Und selbst wenn nun endlich der Kompromiss möglich scheint: Das Problem wird schon seit Jahren (1995, zuletzt 2011) aufgeschoben, aber nicht gelöst.

Europäische Schadenfreude für die "Besserwisser" jenseits des Atlantik - wie damals manche Finanzminister nach dem Geithner-Besuch ätzten - ist fehl am Platz. Denn ein US-Zahlungsausfall hätte sehr ernste Konsequenzen für die Weltwirtschaft und würde Europa erneut in den Abgrund mitreißen - die Lehman-Pleite vom 15. September 2008 ist eine Petitesse verglichen mit einem US-Staatsbankrott.

Die Tea-Party-Fraktion in der Republikanischen Partei hat mit dem Schuldenobergrenzen-Poker eine Weltuntergangsmaschine in Gang gesetzt. Das Spiel mit dem Zahlungsausfall hat die Stellung des US-Dollars als globale Reservewährung geschwächt und somit das Ende des "exorbitanten Privilegs" ((c) Barry Eichengreen) niedrigerer Zinsen und williger Abnehmer von US-Staatsanleihen näher rücken lassen. Die Tea-Party-Extremisten haben mit ihrem Ultimatum paradoxerweise die Entwicklung eines Post-Dollar-Währungsregimes, das völlig im Widerspruch zu amerikanischen Interessen steht, beschleunigt. Der Schuldenobergrenzen-Poker hat auch das Schreckgespenst höherer Zinsen wachgerufen. Und das ist eine weitere Absurdität: Bis dato haben die Notenbanker alles unternommen, um die Zinsen zu drücken, damit das zarte Pflänzchen Aufschwung in die Höhe kommt.

Ach, Amerika! Es fällt schwer, die Tea-Party-Abgeordneten nicht für Seelenverwandte von Stanley Kubricks Dr. Seltsam zu halten.

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