Presserat: Zur Veröffentlichung von Bildern eines Mordopfers

Wien (OTS) - Die Veröffentlichung von Aufnahmen, die das Opfer eines Eifersuchtsmordes mit gespreizten Beinen bzw. die Haare, viel Blut, die blutverschmierte Hand und den blutverschmierten Fuß des Opfers zeigen, verstößt gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse. Bei großflächiger Verpixelung ist jedoch noch von keinem Verstoß auszugehen.

FOTOSTRECKE AUF OE24.AT
Der Senat 2 des Presserats bewertete die Veröffentlichung von zwei Aufnahmen eines Mordopfers in einer Fotostrecke zu dem Artikel "Noch-Ehemann ersticht seine Frau auf der Straße" auf "www.oe24.at" am 20.06.2013 als Verstoß gegen die Punkte 5 und 6 des Ehrenkodex für die österreichische Presse (Persönlichkeitsschutz, Wahrung der Intimsphäre).

BESCHREIBUNG DER AUFNAHMEN
Auf der ersten Aufnahme ist das Opfer eines Eifersuchtsmords in Simmering zu sehen, wie es vor zwei Helfern mit gespreizten Beinen tot auf der Straße liegt.
Auf dem zweiten Bild ist der mutmaßliche Täter mit einem Messer in der Hand zu sehen, wie er von zwei Helfern auf dem Boden gehalten wird. Vor ihm ist eine breite Blutspur zu erkennen, die zu der blutverschmierten Hand und den Haaren des Opfers führt. Im linken unteren Eck des Bildes ist das blutverschmierte Bein des Opfers zu sehen.
Auf den beiden Bildern wurden die Wörter "Opfer", "Helfer" bzw. auch "Täter" und "Tatwaffe" gelb hinterlegt ins Bild eingefügt und mit Pfeilen versehen, die auf die Personen bzw. den Gegenstand weisen.

ZUM POSTMORTALEN PERSÖNLICHKEITSSCHUTZ
Die Persönlichkeit eines Menschen verdient laut Senat grundsätzlich über den Tod hinaus Schutz. Auch bei der Abbildung eines Leichnams sind die Grundsätze des Persönlichkeitsschutzes zu berücksichtigen.

INTIMSPHÄRE UND MENSCHENWÜRDE
Die hier von dem Medium vorgenommene Visualisierung des Opfers eines Gewaltverbrechens ist nach Ansicht des Senats entstellend und daher ein schwerer Eingriff in die Intimsphäre und die Menschenwürde des Opfers. Dabei fällt ins Gewicht, dass auf der einen Aufnahme das weibliche Opfer frontal mit gespreizten Beinen gezeigt wird und auf der anderen Aufnahme die Haare und viel Blut des Opfers sowie dessen blutverschmierte Hand und dessen blutverschmierter Fuß gezeigt werden.
Besonders verwerflich empfindet der Senat die Hinweispfeile mit den Begriffen "Opfer", "Helfer", "Täter" und "Tatwaffe".

ZUM SCHUTZ DER ANGEHÖRIGEN
Darüber hinaus wurde nach Ansicht des Senats das Pietätsgefühl der Trauernden verletzt und ihre Trauerarbeit erschwert. Die Veröffentlichung der Aufnahmen ist geeignet, den nahen Angehörigen zusätzliches Leid zuzufügen.

ZUR BESONDEREN VERANTWORTUNG DER MEDIEN
Bilder entfalten eine starke Suggestivkraft, Medien kommt bei Auswahl und Aufbereitung viel Verantwortung zu. Es scheint so, dass das Medium hier bewusst Grenzen überschritten hat, um bei den Leserinnen und Lesern eine Schockwirkung zu provozieren. Der Senat bewertete die Veröffentlichung als unangemessen sensationell.

AUFNAHMEN IN DER TAGESZEITUNG "ÖSTERREICH"
Die vom Senat überprüften Aufnahmen wurden auch in der Tageszeitung "Österreich" vom 21.06.2013 auf Seite 6 gezeigt, allerdings wurden im Vergleich zur Fotostrecke etwas andere Bildausschnitte gewählt. Der Senat qualifizierte die Veröffentlichung dieser Bilder ebenfalls als Verstoß gegen den Ehrenkodex.

KEIN VERSTOSS BEI GROSSFLÄCHIGER VERPIXELUNG - KRONEN ZEITUNG Schließlich beschäftigte sich der Senat auch noch mit einer Bildveröffentlichung zum selben Mordfall auf Seite 12 in der "Kronen Zeitung" vom 21.06.2013.
Auch das Bild in der "Kronen Zeitung" zeigt das Mordopfer vor den Helfern und dem mutmaßlichen Täter mit gespreizten Beinen tot auf der Straße liegend. Der Oberkörper und das Gesicht des Opfers sind hier jedoch verpixelt; auch die Blutspur, die vom Opfer wegführt, ist zu einem Großteil verpixelt.
Es sprechen zwar gute Gründe dafür, den Leichnam des Opfers dieses Eifersuchtsmordes überhaupt nicht zu zeigen - der Senat sieht insbesondere die grundsätzlich entwürdigende Darstellung mit gespreizten Beinen kritisch. Aufgrund der großflächigen Verpixelung ist der Senat jedoch bei der Bildveröffentlichung in der "Kronen Zeitung" noch nicht von einer Verletzung des Ehrenkodex ausgegangen.

FAZIT
Zusammenfassend hält der Senat fest, dass bei einer derart schweren Straftat und einem derart blutüberströmten Leichnam des Opfers seitens der Medien besondere Zurückhaltung geboten ist.

KEINE VERÖFFENTLICHUNG DER ADRESSEN VON FRAUENHÄUSERN Abschließend weist der Senat darauf hin, dass bei einigen Medienberichten über diesen Mordfall in Simmering die Adresse des Frauenhauses veröffentlicht wurde, in dessen Nähe der Mord geschah. Der Senat macht die Medien darauf aufmerksam, dass die Frauenhäuser ihre Adressen bewusst geheim halten, um die Frauen, die dort Zuflucht suchen, entsprechend abschirmen und schützen zu können und die öffentliche Bekanntgabe der Adresse dies untergräbt.

SELBSTÄNDIGE VERFAHREN AUS EIGENER WAHRNEHMUNG
Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
In den vorliegenden Fällen hat der Senat 2 des Presserats auf eigene Initiative Verfahren durchgeführt (selbständige Verfahren aus eigener Wahrnehmung). In diesen Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, haben die Medieninhaberinnen der Webseite "www.oe24.at", der Tageszeitung "Österreich" und der "Kronen Zeitung" nicht Gebrauch gemacht. Bisher haben sich die Medieninhaberinnen der Webseite www.oe24.at, der Tageszeitung "Österreich" und der "Kronen Zeitung" der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats nicht unterworfen und auch keine Stellungnahme im Verfahren abgegeben.

Die Entscheidung im Langtext finden Sie unter www.presserat.at.

Rückfragen & Kontakt:

Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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