OÖNachrichten-Leitartikel: "Wählen in der Boulevard-Republik", von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 5. Oktober 2013

Linz (OTS) - Viele Österreicher haben es offensichtlich satt, dass immer, egal, wie gewählt wird, dasselbe unten herauskommt: also Rot-Schwarz. Das urdemokratische Prinzip von Wechsel und Ablöse, von echtem Wettbewerb unterschiedlicher Ideen, ist dabei außer Kraft gesetzt.
Daher rührt es wohl zu einem guten Teil, dass die Hälfte der Wahlberechtigten am Sonntag sich für eines der Angebote von FPÖ, Stronach oder BZÖ entschieden hat oder gleich zuhause geblieben ist. Eine weitere Erklärung kommt ins Spiel, wenn wir betrachten, wie sich die Wähler informieren. Haben sich die ehemaligen Volksparteien, aber vor allem die Sozialdemokratie, gar mit ihrer Medienpolitik selbst ins Knie geschossen? Natürlich ist am letzten Sonntag über die faktische Politik abgestimmt worden. Jene, die "Zeit im Bild" schauen, Journale hören, Zeitungen wie Presse, Standard, Kleine Zeitung, SN, OÖN lesen, eine Mehrheit, bekamen dabei ein meist gut ausdifferenziertes Bild von Politik vermittelt. Sie konnten Schwächen und Versäumnisse erkennen, die Tatsache, dass nicht alle Politiker korrupt oder gierig sind, und vielleicht auch das Hauptproblem unserer Zeit: dass es keine einfachen Antworten gibt nach dem Muster schwarz oder weiß.
Dem steht eine Gruppe von Bürgern gegenüber, die auf ein Bild vertrauen, das ihnen der Boulevard vermittelt. Dieses Bild ist kein reales Abbild von Politik, sondern bestenfalls ein Zerrbild, eine Karikatur, bestimmt von verkaufsfördernden Emotionen wie Neid, Eifersucht, Fremdenfeindlichkeit, Gier. Dabei sind die Zwischentöne ausgeblendet, es dominieren Übertreibung, Verallgemeinerung und Vereinfachung.
Dies alles wäre weiter nicht schlimm, wenn Österreich nicht jenes Land wäre, in dem diese Form des Journalismus am verbreitetsten ist und am massivsten gefördert wird. Österreich ist die europäische Boulevard-Republik. Vor allem die SP verbindet damit die Überlegung, die Arbeiter und durch Unterstützung einer neuen Gratiszeitung die Jungen an sich zu binden.
Diese Absicht, sich mit Unterstützung des Boulevards um die nächste Kurve zu schwindeln, ist glorios gescheitert. Die Arbeiter sind bei der FP gelandet, die Jungen woanders, die Unzufriedenheit und die Wut groß wie nie, der Boden versaut. Und die SP müsste sich längst fragen, was sie damit angerichtet hat.

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