Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Europas 'Rand-Problem'"

Ausgabe vom 5. Oktober 2013

Wien (OTS) - Vor Lampedusa ertrinken Flüchtlinge aus Afrika; in Frankreich, der Slowakei und anderen Ländern wird ein menschenunwürdiger Umgang mit Roma zur Norm; in Griechenland bedurfte es eines Toten, um rechtsradikale Umtriebe zu ahnden. Die Aufzählung ist nicht vollständig, doch es stellt sich dabei die Frage, was ist bloß mit Europa los?

Bei all dem gibt es offizielles Entsetzen, doch was lernen wir daraus? Es gibt so ein bisschen die Stimmung, hoffentlich geht es rasch vorbei, damit wir es ebenso rasch vergessen können. Gebt Geld -und damit haben wir getan, was zu tun war. Causa finita.

Dazu passt recht gut der gerade bekannt gewordene Skandal um EU-Hilfsgelder für den Kongo. Das Land braucht Hilfe, fürwahr - und die EU half auch mit Geld. Eine Milliarde Euro an EU-Hilfe ist im Kongo verschwunden - in den Taschen jener Korruptionisten, die auch für den erbärmlichen Zustand der Region zuständig sind.

Europa betäubt sein Gewissen mit Geld. Vermutlich wird nun heftig gespendet (privat und öffentlich), um in Lampedusa eine adäquate Versorgung von Bootsflüchtlingen zu ermöglichen. Deutschland "spendete" schon davor Geld an den Baukonzern Hochtief, damit er im Kosovo Wohnungen für die zurückgeschickten Roma errichte. Dort stehen nun erbärmliche Massenquartiere für Menschen, die dort weder Schulen noch Jobs vorfinden.

Europa ist gerade dabei, seine Werte zu verlieren - im Großen wie im Kleinen. Der immer noch reiche Kontinent spendet Geld, weil genug davon da ist. Geld jedoch betäubt den Schutz dieser Werte. Niemand muss sich dann mehr um die wirklichen Probleme kümmern, die so viel schwerer zu lösen sind. Viele der vor Lampedusa ertrunkenen Flüchtlinge stammten aus Somalia und Eritrea. Dass dort die Situation außer Kontrolle gerät, wissen alle Regierungen Europas. Dass Europa mit seinen Roma nur umgehen kann, indem es - wie Streetworker -ständig präsent ist und sich um die Ausbildung der Kinder kümmert, wissen auch viele.

Doch das ist kompliziert und es gilt dabei, vertrottelte administrative Grenze zu beachten. Um wie viel einfacher ist es, Geld zu schicken. Menschlich wäre, beim Geld sorgsam zu sein, doch in der Durchsetzung der Menschenrechte rücksichtlos - wie es europäischen Werten entspricht.

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