TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 29. September 2013 von Cornelia Ritzer "Trotzdem wählen!"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Mehr Krampf als Kampf waren die Wochen vor den Wahlen. Am Sonntag nicht zu wählen, ist aber trotzdem
keine Option. Denn auch eine niedrige Wahlbeteiligung schützt nicht vor einer Regierung.

Es ist ein merkwürdiger Wahlkampf, den wir in den letzten Wochen beobachten konnten. Da prallten zwei Parteien aufeinander, die seit fünf Jahren in einer Koalition, aber trotzdem erbitterte Gegner sind. Und weil der eine den Job vom anderen will, gab s Zaubertricks mit 100-Euro-Scheinen als Warnung vor neuen SPÖ-Steuern von ÖVP-Chef Michael Spindelegger und flapsige Sprüche von SPÖ-Obmann Werner Faymann ("Lassen Sie mir den Michael als Vizekanzler"). Die Grünen konzentrierten sich auf Wohlfühlplakate mit süßen Tieren und schafften es, ihrer Spitzenkandidatin Eva Glawischnig den Nachnamen wegzunehmen. Jene, die eher handfeste Aufreger als tiefgründige Analysen wollen, wurden von Frank Stronach und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache mit halbnackten Tatsachen versorgt. Und der traurig durch die randlose Brille blickende BZÖ-Obmann Josef Bucher war auch irgendwie dabei. Wie auch die Neos. Nur dass den pinken Newcomern zugetraut wird, den Einzug in den Nationalrat zu schaffen. Angesichts dieser Fülle an Oberfläche und des Fehlens von Tiefe ist es verständlich, dass man vergessen könnte, worum es morgen geht. Nämlich um die Zukunft unseres Landes. Die durchaus sichtbaren Inhalte verkamen jedoch zu Slogans. Besonders deutlich wurde das in den (zu) vielen TV-Diskussionen, wo die Jagd nach dem besten Sager dominierte. Erbschafts- und Schenkungssteuer, Mindestlohn, Bildungsreform oder Maßnahmen für leistbares Wohnen - man ist leidenschaftlich dafür oder dagegen. Doch einzig die ideologischen Scheuklappen geben die Denkrichtung vor. Mut zu Veränderung oder gar Visionen sind Fehlanzeige. Wie Datenschutz in Zeiten steigender Digitalisierung aussehen kann, wie das Pensionsantrittsalter (nicht nur der Frauen) an die steigende Lebenserwartung angepasst werden soll oder die Frage nach der möglichen Notwendigkeit von Zuwanderung und dem Umgang mit der hier lebenden islamischen Bevölkerung: Über den Tellerrand der nächsten Legislaturperiode hinauszublicken wagte niemand.
Nicht wählen zu gehen, ist trotzdem keine Option. Trotz dieses Wahlkampfs, trotz der herrschenden Unzufriedenheit mit dem politischen Angebot. Zwar kann eine niedrige Wahlbeteiligung darüber Auskunft geben, wie es um die Demokratie eines Landes bestellt ist. Sie wird aber nicht vor einer neuen Regierung schützen. Wählen kann Veränderungen bringen. Zuhause bleiben tut es nicht.

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